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Josefs Mantel

© Cathrin Block


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
Die kleine Seitentür klappte, der Schlüssel wurde zweimal gedreht, Schritte entfernten sich knirschend durch den Schnee. Willi entspannte sich. Wieder eine Nacht, die er nicht draußen in der klirrenden Kälte verbringen musste.
Er nahm dankbar einen Schluck aus der Schnapsflasche, steckte sie in die Tasche seines fadenscheinigen Mantels und schlüpfte aus dem Verschlag unter der Kanzeltreppe. Es war ein praktisches Versteck, nur ein Karton mit dicken, weißen Kerzen und ein paar Vasen für Blumenschmuck wurden darin aufbewahrt. Seit Willi wusste, wo er den Schlüssel dafür finden konnte - über der Verschlagtür im Hohlraum hinter einer Petrusfigur -, hatte er keine Nacht mehr draußen auf U-Bahn-Schächten oder in Hauseingängen verbringen müssen.
Doch die Frostperiode dauerte jetzt schon mehr als eine Woche und inzwischen wurde es auch im Kirchenschiff empfindlich kalt. Sie heizten nicht im Winter, oder nur gerade soviel, wie unbedingt nötig. Gottesdienste fanden im Augenblick im Gemeindehaus statt.
Willi machte sich klein unter seinem Mantel, damit sein Körper die Luft im Innern aufwärmen konnte. Vor seinem Gesicht bildete Atem ein dünnes Wölkchen. Begehrlich schaute er hinüber zur Krippenszene. Vielleicht sollte er ...
Er machte einen zögernden Schritt auf den Chorraum zu. An der einen Seite hatte der Küster eine richtige kleine Hütte aufgebaut, darum herum einen kniehohen Lattenzaun. Innerhalb des Gevierts standen die lebensgroßen Figuren.
Der Aufbau der Krippenszene im Advent war Tradition in dieser Stadt, das wusste Willi aus einer Zeitung, die er im Park gefunden hatte. Die Leute besuchten die Figuren, auch ohne sonntäglichen Gottesdienst. Am Anfang hatte Willi sich darüber gewundert, doch inzwischen wusste er, dass die Figuren wundertätig sein sollten. Maria, Josef, zwei Hirten und die Heiligen Drei Könige, alle so groß wie Willi selbst, wurden berührt und gestreichelt. Willi hatte oft gehört, wie um Gesundheit oder Geld gebeten wurde. Sogar zwei Schafe gab es und das Kind in der Krippe sah tatsächlich aus wie ein Neugeborenes, jedenfalls soweit sich Willi erinnern konnte. Vor fünf Jahren hatte er selbst seinen kleinen Jungen im Arm gehalten.
Willi zog die Flasche aus seiner Manteltasche und nahm einen großen Schluck. Dann noch einen. Für andere mochten die Figuren nützlich sein, ihm konnten sie nicht helfen. Für ihn blieb der Schnaps. Der machte die Erinnerung an das Auto erträglicher, das damals in die Wartenden an der Bushaltestelle geschleudert war. Neben Willi waren Marianne und der Kinderwagen danach weg gewesen, einfach weg, bald darauf auch Job und Wohnung. Ohne Schnaps hätte Willi damals nicht weiterleben können. Und er konnte es wohl heute noch nicht. Er hatte es lieber nie versucht.
Er trat ganz nah an den weiß gestrichenen Zaun. Maria kniete im roten Kleid und blauem Überwurf neben der mit Heu gefüllten Krippe. Doch Willi hatte nur Augen für Josef. Der stand mit einer Laterne in der Hand im Hintergrund, mit schwarzem, krausem Bart und ebensolchem Haar, gehüllt in einen dicken, warmen, braunen Mantel. Willi interessierte sich nicht für die bunten Stoffe und goldenen Borten, die man den Königen angezogen hatte, auch nicht für die Schultertaschen und gekreuzten Brustriemen der Hirten. Er sah nur Josef, der schlicht, ruhig und braun von der Schulter bis zu den Füßen im Schatten stand. Irgendwie fühlte Willi sich ihm verwandt. Und Josefs Mantel würde wunderbar wärmen.
Willi nahm noch einen Schluck und steckte die Flasche zurück in die Tasche. Dann stieg er über den Zaun. Ausgestreutes Stroh raschelte unter seinen Füßen. Ein bisschen mulmig war ihm schon. Er hatte das Gefühl, als folge das Jesuskind ihm mit den Augen. "Ich will nichts Böses", sagte er vorsichtshalber und erschrak über den Hall in der leeren Kirche. "Es ist so kalt, das versteht ihr doch, oder?" Er hatte das Gefühl, als sei eine Rechtfertigung angebracht.
Im ungewissen Licht, das Straßenlaternen durch die Fenster hereinschickten, schien es, als würde Josef nicken. So ermutigt umrundete Willi Maria und das Kind im Krippenheu, stöpselte das Kabel aus, das durch Josefs Mantelärmel lief, und nahm ihm die Laterne aus der Hand. "Du kriegst sie wieder, keine Angst, mein Freund", sagte Willi und begann, den Mantel aufzuknöpfen.
"Was tust du da?", fragte eine Frauenstimme erbost.
Vor Schreck machte Willi einen Hopser, dass er mit dem Kopf ans Hüttendach stieß. "Ich, äh ...", sagte er, ganz heiß vor Scham und drehte sich um.
Es war niemand da.
"Hallo?" Willi musste sich räuspern. "Hallo? Ist da jemand?"
Vom Weihnachtsmarkt draußen dudelte "Oh Tannenbaum" herein.
Willi machte einen Schritt aus der Hütte hinaus, bemüht, möglichst wenig mit dem Stroh zu rascheln.
Es war niemand zu sehen und weder Atmen noch sonst ein Geräusch zu hören, das auf die Anwesenheit eines anderen Menschen schließen ließ.
Willi stieg über den Zaun aus dem Krippengeviert hinaus und machte sich auf die Suche. Er schaute hinter die Hütte, hinter den Altar, in die Taufkapelle, sogar in den Winkel hinter den seitlichen Bänken im Chorraum. Niemand war dort. Willi runzelte die Stirn. Er hatte sich die Stimme doch nicht eingebildet.
Nur, es war niemand hier.
Er sank auf die Stufen zum Chorraum. Dabei klapperte es leise, als die Flasche in ihrer Manteltaschenhülle auf den Steinboden schlug. Er tastete danach. War es tatsächlich schon so weit gekommen? Er zog die Flasche heraus, betrachtete sie und stellte sie dann vorsichtig neben den Krippenzaun, als könne sie dort weniger Schaden anrichten.
Inzwischen war das dünne Atemwölkchen zu einer richtigen Wolke geworden, die ein, zwei Lidschläge vor seinem Mund stehen blieb. Und die Kälte kroch seine Beine hoch. Er brauchte etwas zum Wärmen. Ein Schluck würde inwendig helfen.
Schon war sein gerade gefasster Vorsatz fast wieder vergessen. Er griff nach der Flasche, doch im letzten Moment schloss sich seine Hand zur Faust. "Besser nicht, Willi, wo du gerade Stimmen gehört hast", sagte er laut.
Aber sonst war nur noch Josefs Mantel da.
Willi stand auf und fing an, von einem Fuß auf den anderen zu springen, um ein bisschen Wärme hineinzubekommen. Ihm war, als würden die Figuren ihn beobachten.
Er starrte zurück.
Gott, wie lächerlich. Sie waren nur geschnitztes Holz, die Mienen eingefroren für die Ewigkeit. Wundertätige Statuen, so ein Unsinn. Ich bin wirklich ein Hasenfuß, dachte er.
Soviel war klar, ein hölzerner Josef fror nicht, ein Willi aus Fleisch und Blut schon. Und morgen, ehe der Küster aufschloss, würde Josefs Würde längst nicht mehr unter seiner Nacktheit leiden. Das versprach Willi sich ganz fest - und vielleicht auch jedem sonst, der es wissen wollte.
Entschlossen stieg er wieder über den Zaun und gab sich diesmal keine Mühe, das Strohrascheln zu vermeiden. Morgen musste er nach Fußspuren suchen, nachdem er Josef den Mantel zurückgegeben hatte. Jetzt war ihm nur kalt.
Er kniete sich vor der Figur hin und öffnete einen weiteren Knopf.
"Lass das", sagte die Frauenstimme, "er muss sonst frieren."
Willi schloss kurz die Augen. Schnapsfantasien, nichts sonst. Er knöpfte weiter. Seine Hände waren so kalt, dass er Schwierigkeiten hatte und seine Beine fühlten sich trotz der Springerei an, als ob sie unterhalb der Knie zu Ende wären. "Muss er nicht", sagte er laut, ohne es zu wollen, und schämte sich dafür.
Die Frauenstimme antwortete: "Muss er doch."
"Er ist aus Holz", sagte Willi. Jetzt diskutierte er schon.
"Ich bin aus Holz", sagte eine Männerstimme.
Das war zuviel. Willi sprang auf und mit zwei Sätzen durch das Stroh über den Zaun. Kaum war er draußen, klemmte er sich die klammen Finger unter die Achseln. Was in Herrgotts Namen passierte hier?
Maria hockte immer noch mit geneigtem Kopf neben der Krippe und betrachtete ihr Kind. Josef dahinter bewegte sich ebenfalls nicht, nur die Laterne stand am Boden und durch den fast offenen Mantel schimmerte der nackte Körper im diffusen Licht.
Oder hatten sie sich doch bewegt und man konnte es nicht sehen wegen der Dunkelheit?
Vorsichtig beugte Willi sich vor und legte eine Hand auf den Hirten, der ihm am nächsten stand.
Kühl, hart, reglos.
Keine Stimmen.
Er versuchte es beim nächsten Hirten, dann bei den Königen.
Nichts.
Jetzt brauchte Willi einen Schluck. Mehr denn je. Er bückte sich, um den Schnaps aufzuheben.
Noch ehe er die Flasche berühren konnte, sagte die Männerstimme: "Das würde ich nicht tun."
Willi sprang zurück. "Scheiße, was soll das?", brüllte er.
Nur das Echo antwortete.
Weg hier!
Er rannte den Mittelgang entlang bis ans Ende. Erst ganz hinten unter der Orgelempore ließ er sich auf eine der Bänke fallen.
Was sollte er jetzt machen?
Er würde die Nacht nicht überstehen ohne etwas, das ihn wärmte. Es war noch nicht spät, draußen war der Weihnachtsmarkt noch voll im Gange, doch Willi hatte bereits das Gefühl, als würden sich Eiskristalle in seinen Adern bilden. Er schlug die Arme um sich. Doch auch das brachte nichts. Nur ein Schluck würde helfen, besser zwei. Oder wenigstens Josefs Mantel.
Willi brauchte ein paar Minuten, um seinen ganzen Mut zusammenzusuchen, dann holte er tief Luft und stand auf. Schritt für Schritt machte er sich auf den Rückweg den Mittelgang entlang, doch an der ersten Bankreihe angekommen wurden seine Füße noch langsamer. Vorsichtig, immer bedacht, möglichst wenig ins Blickfeld von Maria und Josef zu geraten, schlich er wieder an den Zaun heran, schnappte sich die Flasche und floh erneut. Am liebsten wäre er auch aus der Kirche gerannt. Inzwischen schien ihm jeder U-Bahn-Schacht verlockender als dieser Kirchenspuk. Doch er konnte nicht hinaus, alles war verschlossen. Hinter der Säule, die die Kanzel trug, drehte er den Schraubdeckel auf.
"Du sollst das lassen", sagte die Männerstimme.
Trotzig wollte Willi die Flasche ansetzen.
"Nein."
Plötzlich war Willis Arm aus Blei und die Flasche wog eine Tonne.
Willi stemmte sich dagegen. "Lass mich!", hätte er am liebsten geheult, aber er traute sich nicht. Stattdessen versuchte er, die Flasche gegen den Widerstand anzusetzen. Es ging nicht.
"Schraub sie zu."
Willi musste den Deckel wieder auf den Hals drehen, das heißt, seine Hände taten es von allein, er selbst machte gar nichts. Er zitterte, ob vor Kälte oder aus einem anderen Grund, wusste er nicht. Sein Kopf war so leer wie ein Fußballstadion ohne Fußballspiel.
"Gut so. Und jetzt hol dir den Mantel", sagte der Mann. "Du brauchst ihn nötiger als ich. Und achte nicht auf sie, sie ist zu besorgt."
Willi war inzwischen alles egal. Seine Beine endeten vor Kälte an den Oberschenkeln und seine Finger hatten Mühe, die Flasche zu halten. Er stellte sie am Fuß der Säule ab. Dann kam er dahinter hervor, stieg wieder die drei Stufen zum Chorraum hinauf und über den Zaun. Er berührte Maria fast, als er an ihr vorbeiging. Gut, dass Josefs Mantel schon beinahe offen war, mit den letzten beiden Knöpfen hatte Willi arge Probleme.
Die Frau war still. "Bestimmt hat er schon mit ihr geredet", murmelte Willi. Er wunderte sich nicht länger über diesen Gedanken.
"Habe ich", sagte der Mann.
Willi zog den Mantel von der Statue. "Danke." Er verbeugte sich. "Danke für deine Freundlichkeit." Dann ging er zum Seitenschiff hinüber und schob ein paar Stühle zusammen. Josefs Mantel um seine Schultern war lang und herrlich warm, vielleicht sogar wärmer, als je ein anderer Mantel gewesen war. Willi kam es wie ein Wunder vor, als das Leben in seine Gliedmaßen zurückkehrte. Einen Blick noch warf er hinüber zu der Säule, neben der die Flasche stand, dann legte er sich hin.
Er konnte Josef sehen, wie er da stand in der Hütte, nackt und hölzern. Nur dass es jetzt in dem schwachen Licht so aussah, als würde er lächeln.
Willi wusste, er würde nie wieder eine Schnapsflasche anrühren.


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Eingereicht am 30. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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