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Der Ausweichtermin

© Andrea Gebert


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
"Berlin: In einer außerordentlichen Sitzung des Bundestages wurde heute beschlossen, das Weihnachtsfest einschließlich der beiden Feiertage zu streichen. Begründet wurde die Anullierung des traditionsreichen Festes damit, dass die wirtschaftlichen Einbußen, bedingt durch die beiden arbeitsfreien Tage, bedeutend höher sind, als das, durch das Weihnachtsgeschäft, zu erwartende Wirtschaftswachstum. So sind allein in den letzten vier Jahren Haushaltsdefizite in Milliardenhöhe entstanden, die sich in keinem Maße durch den Umsatz im Einzelhandel rechtfertigen lassen.
Prof. Dümmer, Verhaltensforscher am Universitätsklinikum Kassel, hat herausgefunden, dass sich das Weihnachtsfest besonders auf labile Persönlichkeiten negativ auswirkt und dass es infolgedessen zu schweren Neurosen kommen kann. Statistischen Erhebungen zufolge steigt die Suizidrate drastisch ab dem 24. Dezember und normalisiert sich erst wieder nach der ersten Januardekade. Die Ärztekammer berichtet, dass zwischen Mitte Dezember und Mitte Januar besonders im neurologisch/psychologischem Bereich ein enormer Zuwachs an Patienten zu verzeichnen ist, nicht zu vergessen, die Zunahme an gastroendologischen Erkrankungen.
Die Streichung des Weihnachtsfestes kann und wird demnach dem Wohl der Allgemeinheit dienen, da zum einen mit einer Steigerung des Wirtschaftswachstums zu rechnen ist und zum anderen durch die Beseitigung des Konfliktherdes 'Weihnachten in Familie' unnötige traumatische Persönlichkeitsbelastungen vermieden werden."

Wolfgang knallte die Fernbedienung auf den Tisch und sprang auf.
"Ich fasse es nicht. Diese Idioten nehmen uns das schönste Fest des Jahres weg. Worauf soll man sich noch freuen, wenn nicht auf Weihnachten?"
Ulla räusperte sich, wie immer, bevor sie etwas sagen wollte, doch Wolfgang winkte ab.
"Natürlich weiß ich, worauf du hinaus willst, Liebling. Aber damit irrst du. So wie in jedem Jahr übrigens. Du bist doch diejenige, die immer jedes Wort auf die Goldwaage legt. In meiner Familie sagt man eben, was man denkt, egal, ob es gerade passt oder nicht. Damit musst du dich endlich abfinden. Schließlich warst du es, die mich heiraten wollte."
Ulla sah ihren Mann nachdenklich an.
"Ja, wenn dir jemand die Wahrheit auf den Kopf zusagt, dann staunst du. Na, ich werde gleich mal Schwager Ulf anrufen, mal sehen, was der von der Sache hält."
Offensichtlich nahm am anderen Ende niemand ab, denn Wolfgang wanderte nervös zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her.
"Ach na endlich, grüß dich, alter Sack. Das dauert, bis bei euch mal jemand an die Strippe geht."
- - - - - - - -
"Ne, ja, alles bestens. Also pass auf, ihr werdet bestimmt keine Nachrichten gehört haben, ihr kriegt ja eh nie was mit in eurem Kaff. Also die Sache ist die: Die haben beschlossen uns Weihnachten wegzunehmen. Diese Bonzen, diese, diese Nichtstuer. Kannste dir das vorstellen, uns Weihnachten wegzunehmen?
Ich meine, so richtig ohne alles. Nicht durch die Geschäfte rasen eine Woche vor Heiligabend und Geschenkejagd machen, und nicht am Vierundzwanzigsten vormittags durch die Stadt düsen, um noch so einen verkrüppelten grünen Stimmungsmacher aufzugabeln. Mann, dass muss man sich mal vorstellen! Keine gekauften Makronen und Kipferln, weil die Selbstgebacknen mal wieder angebrannt sind. Und erst die Lebkuchen. Ich bin verrückt nach den Dingern.
Weißt du noch, wie deine Miriam im letzten Jahr das ganze braune Zeug auf den Tisch gekotzt hat? Mann, das war'n Spaß.
Bis an die Wand hat es gespritzt, ihr hattet vorher frisch renoviert, weißt du noch? Und als Jutta euren Herd geschrubbt hatte und wir dachten die Dithmarscher Gans hätte noch Nordseesand im Magen, dabei war's bloß Scheuermittel. Mann, das war'n Ding. Und wie du fuchtig geworden bist und Jutta angeblasen hast, echt der Hammer. Aber zum Glück hatte sie schon den Wildbraten für den ersten Feiertag fertig und dann war's doch noch ein schöner Abend, stimmts?"
- - - - - - - - -
"Ja, ne, ist schon okay, versteh ich voll. Aber eins noch, ich hab da gerade ne voll gute Idee. Wann ist denn noch mal Ostern? Das muß doch so um den April rum sein, oder? Also pass auf, wie wär's , wenn wir das Beste draus machen und statt Weihnachten diese Eiersuchtage zusammen verbringen? Die Frauen sollen einen ordentlichen Braten basteln und wir kümmern uns um die Getränke. Mensch, das wär doch was! Red doch mal mit deiner Süßen und dann rufste mich zurück, okay?"

Im vierhundertachtzig Kilometer entfernten Schöneck, einer Zweihundertseelengemeinde im Vogtland, dröhnte Schwager Ulfs Stimme durchs Haus.
"Vicky, Alexander,Miriam! Alle mal sofort herkommen!"
Ehefrau Vicky und die beiden Kinder fanden sich in der Diele ein.
"Der Wolfgang hat gerade angerufen und mir erzählt, was die in Berlin wieder verzapft haben. Die haben doch tatsächlich beschlossen, Weihnachten ausfallen zu lassen. Was das für uns bedeutet, wisst ihr. Wir können dann nur noch von den Erinnerungen an die vergangenen schönen Feste leben und nie mehr zu den Reitmaiers nach Lüneburg fahren."
Er schneuzte sich und Vicky bemerkte ein Zittern in der Stimme ihres sonst so resoluten Ehemannes.
"Wie und die Ferien fallen auch aus?" Der vierzehnjährige Alexander stöhnte laut auf.
"Dann muss ich nie wieder mit der blöden Janine spielen".
Miriam, die für ihre sechs Jahre recht pfiffig war und oftmals schneller begriff als der schwerfällige Alexander, hüpfte vor Begeisterung auf einem Bein. Vicky konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.
"Ich weiß nicht, was daran lustig ist", donnerte Ulf, wieder ganz Herr der Lage.
"Schließlich ist es die Familie deines Bruders, mit der wir all die schönen Stunden verbracht haben."
Alexander legte die picklige Stirn in Falten, als er daran dachte, dass er von all diesen schönen Stunden wenig gehabt hatte, weil er sich um diese Bestie von Hund hatte kümmern müssen, die stets und ständig Gassi gehen wollte, besonders, wenn es gerade Essen gab oder wie aus Eimern goss. Dazu kam noch, dass Onkel Wolfgang ihn als "Dösbaddel mit einem Hirn voller Grütze" bezeichnete.
"Dann brauchen wir in diesem Jahr auch nicht das viele Geld für die Reinigung der Autositze auszugeben, denn ohne Hund keine Haare", schlussfolgerte Vicky, wobei sie sich im Geheimen viel mehr darüber freute, endlich einmal während der Feiertage nicht nur in der Küche stehen zu müssen. Überhaupt bereitete ihr die Vorstellung, in der Vorweihnachtszeit nicht durch die Geschäfte hetzen zu müssen, nicht Abende lang Plätzchen backen zu müssen und vor allem nicht dieses ekelhaft fette Federvieh mit Ulla zubereiten zu müssen, große Freude.
Ulf, jederzeit in der Lage jedwede Heiterkeitsausbrüche seiner Lieben zu unterbinden, warf drohende Blicke in die Runde.
"Ich weiß nicht, was für eine Familie ihr seid! Ich jedenfalls liebe die Treffen mit Wolfgang, Ulla, Janine und Rossko und ich habe trotz der schlechten Nachrichten noch eine Überraschung für euch."
Er grinste gönnerhaft, bevor er fortfuhr:
"Auch wenn ihr es nicht verdient habt, sollt ihr es gleich heute erfahren.
Wolfgang und ich haben beschlossen anstatt des ausgefallenen Weihnachtsfestes die Ostertage miteinander zu verbringen.
Wir machen es uns genauso schön wie immer. Also Geschenke, Plätzchen, gutes Bier, leckeren Braten. Das Einzige, was es nicht geben wird, ist dieser kitschige Baum und das Weihnachtsliedergedudel, aber das nervt sowieso nur und hemmt die Stimmung."
Vicky sah ihren Mann fassungslos an, Miriam schluchzte laut.
"Ich schreib an die Regierung. Die müssen Ostern auch streichen", versprach Alexander und verschwand in seinem Zimmer.


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Eingereicht am 09. Januar 2007.
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