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Weihnachtsgeschichten Weihnachten Kurzgeschichte Advent Weihnachtsmann weihnachtliche Geschichten

Alle Jahre wieder ...

© Vanessa Becker


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Liebe. Alles ist wunderbar friedlich und voller Harmonie; man bekommt Dinge geschenkt, auf die man sein ganzes Leben gewartet hat, und auch sonst fühlt man sich einfach total besinnlich und feierlich.
So dachte ich bis letztes Jahr auch. Aus einer spontanen Idee heraus luden mein Mann und ich (also eigentlich mehr ich) meine Eltern samt Hund, meinen pubertierenden Bruder und die Schwiegereltern zu einem Festessen an Heiligabend mit nachfolgender Bescherung in unsere bescheidene Wohnung ein. Dass mein Mann, als ich ihm davon erzählte, leichenblass wurde und sich erst mal einen Schnaps gönnte, übersah ich gnädig. Er wird schon noch merken, wie schön alles werden würde ... dachte ich.
Voller Elan fuhren wir vorher noch los, um einen schönen Weihnachtsbaum zu ergattern. Nicht dass ich da besonders wählerisch bin, aber ich denke schon, dass man seine Entscheidung nicht übereilen sollte. Während mein Mann sich auf die erstbeste, schiefgewachsene, verkrüppelte Tanne, deren Spitzen schon leicht bräunlich waren, stürzte: "Hier, die nehmen wir! Die ist OP-TI-MAL!", war ich da schon kritischer. Beim sechsten Weihnachtsbaum-Verkaufsstand (der übrigens auch schon der erste war), fand ich dann endlich mein Lieblingsbäumchen. Mein Mann schleppte es unter theatralischem Gestöhne (typisch: er hatte seine Handschuhe vergessen!) und dabei immer wieder Schmerzensschreie ausstoßend zu unserem Wagen, wo er es umständlich verstaute; leider so, dass sich die nadelige Spitze bei der Heimfahrt dauernd in meinen Nacken bohrte. Ich glaube ja nicht, dass mein Mann das extra gemacht hat, aber er grinste schon sehr verdächtig schadenfroh, als er bemerkte, wie ich immer wieder verstohlen meinen Nacken zu schützen versuchte. Na ja ...
Dann war endlich der ersehnte Tag gekommen ... Heiligabend!
Während mein Mann noch im Bett lag, stand ich schon frühmorgens auf und fing an, das Essen zuzubereiten. Da merkte ich, dass ich leider ein entscheidendes Gewürz vergessen hatte, ohne das mein Braten zu 100 Prozent nicht gelingen würde. Aber wofür hat man denn einen Ehe-ma-hann? Leise schlich ich mich ins Schlafzimmer und weckte ihn liebevoll, indem ich die Bettdecke herunterriss und trompetete: "Los, steh auf, du musst zu "Real"! Der Zettel liegt auf`m Tisch! Und was schneller, wenn's geht!" Die Kissen, die mir nachgeworfen wurden, und auch die Worte, mit denen ich, nicht gerade dem Tag angemessen, beschimpft wurde, prallten zum Glück wirkungslos an mir ab.
Nun, es wurde Nachmittag, der Braten war gelungen, alles war festlich geschmückt, auch der Baum, und nun musste nur noch die liebe Familie auftauchen.
Da, es klingelte. Die ersten waren meine Eltern samt meinem Bruder und Hund, der, kaum hatte er seine Pfoten in unsere Wohnung gesetzt, erst mal auf unseren Teppich kotzte ... pardon, brach (das Resultat war aber dasselbe). Entsetzt starrte ich auf den großen, durch braune Bröckchen aufgelockerten grünen Fleck, den mein Vater mit einem trockenen: "Die hat gerade Gras gefressen. Das kriegst du nicht mehr raus!" kommentierte. Aha. Schnell gab ich meinem, mit dem Würgreiz kämpfenden Mann (Männer!) Sagrotan und den Befehl, das doch bitte zu beseitigen. "Wieso denn ich? Ich hasse Hunde!", nörgelte er vor sich hin, aber das überhörte ich natürlich.
Ich begrüßte meine Mutter, die gleich in die Küche stiefelte, um den Braten zu begutachten. "Na, ob der mal so gelungen ist? Da hast du doch bestimmt den Honig vergessen, ohne Honig wird der nicht knusprig!"
Ich fing an, leicht zu transpirieren. Ohne ihr zu antworten (sie kostete jetzt auch mit kritischer Miene die Soße, um anschließend stirnrunzelnd zu rufen: "Da fehlt das Wichtigste, der ZUCKER! Das ist DER Trick bei den Profis") ging ich zurück ins Wohnzimmer, wo ein lauter Tumult ausgebrochen war. Unser Hauskater verprügelte gerade mal wieder den Hund, der das aber nicht lange übel nahm und schnell wieder hinter dem Kater herlief. Der Hund glaubt wohl bis heute, dass eine Katze, deren Fell zu Berge steht, die buckelt und gefährlich faucht eigentlich damit sagen will: "Spiel mit mir!"
Nun ja, dass dabei auch der Tannenbaum umkippte - was soll's. Die Kugeln waren zwar teuer, aber - wer denkt bei einer so schönen Familienfeier schon ans Geld? (außer mein Mann natürlich, der sehr genervt aussah). Meine Mutter würzte indessen eifrig nach.
Mein Bruder war nirgends zu sehen. Ich fand ihn im Arbeitszimmer, wo er (von unserem Anschluss aus) telefonierte. Seine Gesprächsfetzen konnte ich nicht so richtig deuten ("Ja, Babsi, dann sag mal, wie groß deine Dinger sind!") aber die 0190-Nummer auf dem Display ließ mich Schlimmes ahnen, so dass ich kurzerhand das Gespräch unterbrach, auch wenn mein knallrot gewordener Bruder etwas von einem wichtigen Telefonat mit einem Schulfreund wegen einem Referat stammelte. Ich schob ihn gerade aus dem Zimmer, als es klingelte: Die Schwiegereltern! Ich drückte ihnen auf und stand in der Haustür, um sie zu empfangen. Der Empfang gestaltete sich etwas kühler, als ich dachte, da mich meine Schwiegermama, die ich seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte, mit einem erfreutem: "Endlich! Endlich bekommen wir ein Enkelkind!" begrüßte und mir dabei verschwörerisch über den Bauch strich. Der Schwiegervater horchte auf, und nahm mich mit einem: "Das ist ja toll, Elke!" in die Arme. Mein Gott, nur weil mein Mann und ich schon 8 Jahre zusammen sind, heißt das doch noch nicht, dass er wissen muss, wie seine Schwiegertochter heißt! Da kann einem der Name der Exfreundin des Sohnes schon noch mal (na ja, wenn ich es mir so überlege, eigentlich regelmäßig) rausrutschen! Mittlerweile kam auch meine Mutter angerannt: "Wer kriegt ´n Kind?" Ich beruhigte alle und musste leider der enttäuschten Familie miteilen, dass ich nicht schwanger bin, sondern wohl nur etwas zuviel Spekulatius gegessen hatte. Dabei übersah ich nicht, dass mein Mann erleichtert zu seinem nächsten Schnaps griff und dabei auch meinem Vater einen anbot, der es sich mit einer Selbstgedrehten schon mal gemütlich gemacht hatte und zwecks Aschenbecher-Mangel in mein noch leeres Sektglas aschte. Ich klatschte in die Hände: "Alle mal herhören! Jetzt gibt´s erst mal ´nen Aperitif!" Mit Blick auf meinen Mann, der schon langsam etwas angeheitert zu sein schien und sich und meinem Vater erfreut noch einen extra-großen Schnaps eingoss, entschied ich mich, nun langsam das Essen aufzufahren. In der Küche fand ich meine Schwiegermutter, die ihr Gebiss unter dem Wasserhahn der Spüle abspülte, da sie es heute vergessen hatte zu reinigen und sie mittags Mohnkuchen gegessen hatte. Ich schaute etwas angewidert weg und holte den Braten aus der Röhre. Komischerweise war der auf einmal tiefschwarz, und ich sah, dass die Temperatur viel zu hoch eingestellt war. Misstrauisch guckte ich zu meiner Mutter, die aber krampfhaft in eine andere Richtung sah. Als ich die Soße vorsichtig probierte, bestätigte sich mein Verdacht: total verzuckert! Meine Mutter schaute währenddessen besonders interessiert dem Kater und dem Hund beim Raufen zu. Ich seufzte und versuchte, meinen Ärger herunterzuschlucken; schließlich war Weihnachten, das Fest der Liebe. "Nehmt euch schon mal selbst!" murmelte ich und machte mich auf die Suche nach meinem Bruder, der schon wieder verschwunden war. Ich fand ihn abermals im Arbeitszimmer, wo er vor dem Computerbildschirm saß. Auf diesem meine ich noch eine nackige Frau und die Zeile "Kosten pro Minute: 5 Euro" gesehen zu haben, aber ich kann es nicht beschwören, da mein Bruder blitzschnell den Computer ausmachte und leicht nervös: "Hab nur mal meine Mails gecheckt!" murmelte, als er an mir vorbeilief.
Endlich saßen alle am Tisch (besser gesagt: mein Mann und mein Vater hingen mittlerweile eher unter dem Tisch) und aßen. Nach einigen Bissen ließ meine Schwiegermutter die Gabel sinken und sagte: "Mein Gott, der Braten und die Soße sind dir aber wirklich misslungen! Tut mir leid, davon krieg ich keinen Bissen mehr runter!" Ich guckte meine Mutter abwartend und nicht sehr freundlich an. "Na, Mama, was sagst du DAZU?!" Meine Mutter guckte erstaunt hoch: "Ja, also wirklich, schmeckt nicht gerade sehr gut! Hättest besser mal mich vorher gefragt ...! So, jetzt muss ich aber dringend mal für kleine Mädchen!" Schnell flüchtete sie in Richtung Toilette.
Ich nahm mir eine volle Flasche Schnaps, wankte erschöpft und wütend ins Schlafzimmer und mehr weiß ich nicht von dem Weihnachtsabend. Alle versicherten mir aber hinterher, dass es ein sehr schönes Fest gewesen sei, und die Pizza vom Lieferservice wäre ausgezeichnet (also im Vergleich zu meinem Braten) gewesen ...


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Eingereicht am 28. Januar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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