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Magic Moments

© Kerstin Baumgärtner


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
Wie viele Jahre sind es jetzt her, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe? Fünf, zehn? Ich weiß es nicht mehr, ich hab jedes Gefühl für Zeit verloren. Seit du nicht mehr da bist, ist mein Leben so leer und vor kurzen haben sich auch noch alle meine Freunde und Bekannten von mir abgewendet. Ich hab keinen Grund erfahren, sie haben mich einfach ignoriert. Als wäre ich Luft, nie da gewesen. So, als hätte ich nie gelebt. Jetzt fühle ich mich noch leerer und sehne mich an die Zeit zurück, als wir noch glücklich waren. Du hast mir Geborgenheit gegeben, du hast mich vor der Grausamkeit der Welt da draußen beschützt. Jetzt kannst du mich nicht mehr beschützen und ich bin ihr hilflos ausgeliefert. Wie oft bin ich mitten in der Nacht an meinem Fenster gestanden, hab zu den funkelnden Sternen geschaut und habe sie gefragt, warum du gegangen bist. Ich hab nie eine Antwort bekommen. Die Sehnsucht nach dir ist unendlich groß, sie frisst mich auf und macht mich kaputt. Ich habe dich so geliebt, doch du bist ohne ein Wort gegangen; nicht einmal einen Abschiedskuss hast du mir gegeben. Du hast mir mein Herz gebrochen, und die Wunden sind bis heute nicht verheilt. Ich werde nie wieder einen Menschen so lieben können wie dich. Werde ich überhaupt jemals wieder lieben können? Die Antwort auf die Frage werde ich wohl nie finden.
In zwei Tagen ist Weihnachten und wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich nur fröhliche Gesichter. Ich setze mein gespieltes Lächeln auf, doch es wirkt eher gequält als glücklich. Zwei Kinder bewerfen sich mit Schneebällen und lassen sich lachend in den Schnee fallen. Eine mit Geschenken vollgepackte Frau drückt sich an mir vorbei. Ich stehe nur da und frage mich, wann Weihnachten seine wirkliche Bedeutung verloren hat. Aber darüber macht sich anscheinend keiner Gedanken. Jeder freut sich nur auf seine Geschenke, um sich nach dem Auspacken gleich damit in sein Zimmer zu verdrücken. Mir würde es schon reichen wenn mir jemand etwas Liebe schenkt, so wie du es einst getan hast. Ich setze mich auf eine Bank und beobachte gedankenverloren die Menschenmasse, die an mir vorbeizieht. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als ich eine unscheinbare Person in der Menge entdecke. Sie steht an einem Schaufenster, ganz alleine. Niemand kümmert sich um sie, alle gehen vorbei als wäre sie Luft. Ich fühle mich so verbunden mit dieser Person und gehe zu ihr rüber. Eine Weile stehe ich schweigend neben ihr und wage nicht sie anzusehen. "Bist du es wirklich?", fragt sie plötzlich. Die Stimme ist männlich, klingt mir so vertraut. Ich wage ihn anzusehen und traue meinen Augen nicht. Ich schaue dich an und glaube zu träumen. Du streckst deine Hand aus und ich ergreife sie. Du bist es wirklich! Ich kann nichts sagen, bin verwirrt. "Du bist es", sagst du und ziehst mich zu dir her. Ich schaue dir in die Augen, diese wunderschönen Augen. Du küsst mich, ohne ein Wort zu sagen, ohne mich zu fragen. Der Kuss ist so leidenschaftlich, so intensiv. Ich verschmelze mit dir, will dass dieser Moment nie endet. Deine Arme sind um meinen Körper geschlungen und eine angenehme Wärme durchströmt mich. Eine Wärme, die ich schon lange nicht mehr gespürt habe. Wir stehen ewig so da, mir kommt es vor, als wären es Jahre, und doch ist es zu kurz. Keiner von uns sagt ein Wort, keiner bewegt sich. Ich schließe die Augen und alle Erinnerungen an dich sind mir so nah wie nie zuvor. Langsam und unentschlossen lösen sich unsere Lippen voneinander und wir schauen uns tief in die Augen. "Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren. Wo warst du die ganze Zeit?", frage ich mit leiser Stimme. "Das kann ich dir leider nicht sagen ... Ich weiß es nicht." Ich bin verwirrt und glaube mich verhört zu haben. Nach Jahren sehe ich dich endlich wieder und du hast keine Erklärung dafür? Du weißt es nicht? Du hast mir das Herz gebrochen und mein Leben zu einem Alptraum gemacht und das Einzige was du sagst ist, dass du es mir nicht sagen kannst? "Du hast mich tief verletzt", sage ich leise, fast flüsternd. Du streichst mir eine Strähne aus dem Gesicht und drückst mich noch enger an dich. "Tut mir leid. Du wirst es schon noch verstehen ... Ich liebe dich!" "Jason, ich ..." Du legst mir den Finger auf den Mund. "Scht..." Wir versinken wieder in einen Kuss. Die Welt um uns scheint plötzlich nicht mehr wirklich, ich habe das Gefühl zu schweben. Ein ungewöhnlicher Glanz geht von uns aus, ein Strahlen. Doch die Leute, die vorübergehen, haben ihren Blick geradeaus gerichtet; so, als würden sie diesen wunderschönen Glanz nicht sehen. Sie haben nur Augen für sich und Geschenke, und übersehen dabei die wirklich wahren und wundervollen Wunder, die Liebe zweier Menschen.
Die Kirchturmglocken läuten und die Menschenmenge drängt in Richtung Kirche. Ich schaue dich verwirrt an. "Es ist Weihnachten", erwiderst du mit einem Lächeln. Jetzt bin ich noch verwirrter. "Aber das ist doch erst in zwei Tagen?!" Du schüttelst den Kopf und ziehst mich mit dir. "Die zwei Tage sind schon vorüber seit wir uns gesehen haben ..." Wie konnte das sein? Wir konnten doch nicht wirklich zwei Tage nur dastehen und uns umarmen und küssen. Ich verstehe dich nicht, und doch frage ich nicht weiter sondern gehe mit dir in die Kirche. Alle Plätze sind bereits belegt und so stellen wir uns an den Rand, mit dem Blick zum Pfarrer. Ich hab so viele Fragen, die mir durch den Kopf gehen, fühle mich wie in einem Traum, den ich nicht verstehe. Du lächelst mich an, ich lächle zurück. Ja, es ist dein Lächeln. Du bist es wirklich. Ich drücke deine Hand und gemeinsam schauen wir uns den Gottesdienst an. Danach fühle ich mich wie benommen. Wir verlassen als erstes die Kirche. "Ich will dir was zeigen, schließ die Augen." "Aber dann sehe ich doch gar nichts", protestiere ich, doch du hebst nur deine Hand vor meine Augen. Ich vertraue dir und warte ab was passiert. Ich habe das Gefühl zu schweben, alles beginnt sich zu drehen. "Jetzt kannst du sie wieder aufmachen." Du nimmst die Hand vor meinen Augen und vorsichtig öffne ich sie. Im ersten Augenblick weiß ich nicht wo ich mich befinde. Wir stehen im Freien, es ist schon dunkel. Ich schaue mich um. Wir stehen auf einem Friedhof in einer mir fremden Stadt. "Was ...?" Ich schaue dich fragend an, doch du zeigst nur mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle. Ein seltsamer Lichtschein zeigt mir den Weg. Ich drehe mich zu dir um und du nickst. Mit kleinen und vorsichtigen Schritten gehe ich auf das Grab zu und erstarre, als ich die Inschrift lese. "Hier ruht Jason Sellenthin. Wir werden dich nie vergessen ..." Ich drehe mich zu dir um, aber du bist immer noch da. Wie kann das sein? Mir wird schwindelig, mein Herz klopft wie verrückt und ich bin gelähmt vor Schreck. Ich spüre deine Hand auf meiner Schulter und zucke zusammen. "Was hat das alles zu bedeuten?", frage ich mit ängstlicher Stimme und schaue dich unsicher an. Bist du es auch wirklich? Aber ich kann dich anfassen, ich kann dich spüren. "Wir sind jetzt beide Geschöpfe des Himmels", sagst du mit ruhiger Stimme. "Was soll das heißen?" Du schlingst deine Arme um mich und wiegst mich hin und her. "Ich will eine Antwort!" Du schaust mich an. "Ich dachte, die hättest du jetzt längst. Wir merken nicht immer gleich, wenn wir nicht mehr als Menschen auf der Erde wandeln." "Heißt das, dass wir tot sind?", frage ich entgeistert und ich erschrecke, als du leicht nickst. "Aber wie ...?" Du legst mir wieder den Finger auf den Mund. "Vor Jahren habe ich dich unfreiwillig verlassen. Ich konnte dir nicht Lebewohl sagen. Du wurdest durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen. Jetzt sind wir vereint ..." "Das heißt ich bin schon eine Weile tot und habe es nicht gemerkt? Haben meine Bekannten und Freunde mich deswegen ignoriert? Weil sie mich nicht gesehen haben? Aber warum trauern sie denn nicht?" Du lächelst und streichst mir beruhigend über die Wange. "Jeder geht anders mit seiner Trauer um. Sie haben es verdrängt ..." Ich glaube immer noch nicht was ich höre. "Ich will zu meiner Familie", sage ich und ziehe dich mit mir. "Dann musst du aber wieder die Augen schließen." Dieses Mal schließe ich sie ohne zu widersprechen. Wir schweben wieder, und als ich sie wieder öffne, stehen wir am Fenster und schauen in das Wohnzimmer meiner Familie. Alle sitzen sie um einen großen und festlich gedeckten Tisch, in der Ecke glitzert ein wunderschöner Weihnachtsbaum. Alle haben fröhliche Gesichter, aber es ist nur eine Fassade hinter der sie ihre Trauer verstecken. Das kann ich spüren. Ich verstehe jedes Wort, was sie sagen. "Ich wünschte Catrin wäre jetzt hier", sagt meine Mutter und wischt sich heimlich eine Träne von der Wange. "Ja, sie fehlt uns allen", erwidert mein Vater und versucht zu lächeln. Ich schaue dich an und merke, wie mir Tränen in die Augen steigen. Du wischst sie behutsam weg. "Ich bin doch da", flüstere ich und drücke deine Hand. "Ich bin doch da ..."


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Eingereicht am 03. Februar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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