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Weihnachtsgeschichten Weihnachten Kurzgeschichte Advent Weihnachtsmann weihnachtliche Geschichten

Warten auf ...

© Chris Bendig


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
Weihnachtsgeschichten
Dana schlendert an der Hauswand entlang. Nichts los. Alle sind mit Vorbereitungen beschäftigt. Seit ihre Schwester geheiratet hat und es wieder Kinderaugen gibt, die man staunen lassen kann, hat ihre Mutter das Weihnachtsfest erneut für sich entdeckt. Das heißt, einen Baum anzuschaffen, die Wohnung zu schmücken und vor lauter Stress zu streiten. Nicht so schlimm wie damals, als ihr Vater kurz vor Weihnachten trotz aller Beteuerungen mit dem Geld für Geschenke in die nächste Spielhölle gelaufen war und auf Tage hin verschollen blieb. Aber auch Erwin, Mamas neuer Freund, kann nicht alles auffangen, und so bleibt Danas Taktik, sich unsichtbar zu machen, immer noch eine gute Strategie. Und um vor dem Fernseher zu hocken und "Wir warten aufs Christkind" zu glotzen, ist sie mittlerweile zu alt.
Überall Weihnachtsschmuck! Klar, auf der anderen Seite der Straße haben sie auch diesmal aufgerüstet, mit Figuren in den Vorgärten: spiralige Weihnachtsbäume, Rehe, Schlitten, am Tag albern anzusehen, aber im Dunkel hell erleuchtet. Doch auch das Gebäude, in dem im zwölften Stock Dana mit ihrer Familie wohnt, ist mit modischen Teilen dekoriert. Dana legt den Kopf in den Nacken und blinzelt, weil ihr eine verirrte Schneeflocke ins Auge fliegt.
Jedes Jahr hat ihre Mutter lautstark über die anderen Familien hergezogen, die mal Nikolaus-Weihnachtsketten, mal pulsierende Lichtsterne ans Fenster hängten. "Woher haben die bloß das Geld dafür?", hat sie gezetert und zu denken gegeben, dass die anderen als Arbeitslose ja auch kein Weihnachtsgeld erhalten würden. In jedem der letzten Jahre war die alte Lichterkette, die Dana im Kindergarten erwichtelt hat, gut genug gewesen, wie auch das Mahl als "Heiße Heiße" aus erhitzter Fleischwurst mit Kartoffelsalat bestand. Als Nicole sich nach vielen Jahren mit ihrer Familie aber zum Besuch angekündigt hat, wurde die Lichterkette wegen zu vieler fehlender Kerzchen durch ein ganzes Leuchtgitter ersetzt, und heute Abend würde es einmal einen Braten geben.
Weit und breit kein Mensch. Danas Freundin Malin ist schon gestern abgereist, mit ihrem leiblichen Vater zum Urlaub in die Schweiz. Die anderen ziehen sicher ihren Gameboy vor, als hier in der Kälte zu stehen. Eine weitere Schneeflocke legt sich auf Danas Nase, eine andere verklebt ihre Wimpern.
"Oh nein, nicht Krister!" Missmutig sieht Dana den schlaksigen Jungen über die Straße kommen, an der Einfahrt stehen bleiben und mit geübtem Blick den Parkplatz checken. Es soll wohl cool wirken, aber Dana findet es einfach nur arrogant. Überhaupt kann sie ihn nicht leiden. Krister war es doch, der immer die Pokemon-Karten abgezogen hat, auch später, als er selbst gar nicht mehr mit ihnen spielte. Er hat sie entdeckt, macht eine bedeutungsvolle Pause und kommt dann, gemächlich, direkt auf sie zu. Sie hat ihn in den letzten Jahren kaum gesehen, und er scheint verändert. Obwohl Dana selbst gewachsen und stolz auf ihre einen Meter neunundsechzig ist, überragt er sie immer noch um mehr als einen Kopf. Dünn ist er, nicht mehr so ein Pummelchen. Unwillkürlich schwingt er seinen langen Körper und wackelt dabei mit dem Kopf wie ein Dackel hinten im Auto.
"Heyho, Dana."
"Hi."
"Keiner da?"
"Nur ich."
Sie hofft, dass er gelangweilt abzieht, aber er scheint nicht daran zu denken. Ohne hinzugucken, kramt er den Tabak hervor und dreht sich eine Zigarette. Mit feuchter Zunge leckt er über den Kleberand des Blättchens, und Dana ärgert sich. Der Platz ist menschenleer, aber er muss sie hier vollqualmen? Doch anstatt die Kippe anzuzünden, klemmt er sie sich hinter ein Ohr.
"Nix los, ne?"
"Scheint so."
Ihre Blicke streifen sich flüchtig, und schnell sieht Dana an Krister vorbei, auf die andere Straßenseite. Was will er bloß hier? Er, der von drüben kommt. Doch nicht nur eine rauchen. Noch kann er nicht mit seinem neuesten Handy oder der Digicam prahlen oder was immer er geschenkt kriegt. Warum sitzt er nicht in seinem Zimmer mit dem Blick auf den Garten, zockt an einer seiner Konsolen oder chattet im Internet?
"Und, feiert ihr auch gleich?"
"Das volle Programm: Kirchgang, dann Weihnachtslieder, ich am Klavier, meine Mutter an der Altflöte ..."
Sie stellt sich ein heimeliges Fest vor, "bürgerlich", wie ihre Schwester es mal höhnisch nannte. Dana verstand die Wut dahinter gar nicht, sie würde so gern tauschen.
"Musik kommt bei uns nur von der CD. Obwohl ... vielleicht diesmal, wo meine kleinen Neffen da sind ..."
Aus dem Augenwinkel bemerkt sie seinen prüfenden Blick, über ihre dunkelbraunen Haare, ihre Brust, die sich endlich entwickelt hat, ihr Gesicht. Sie dreht den Kopf, und Krister starrt auf den Boden vor sich, stubst mit dem Fuß gegen einen Knaller, den die kleineren Jungens gestern vergeblich zu zünden versucht haben. Sie riecht sein Aftershave und fragt sich, was er denn wohl rasiert hat: der dünne Schatten über seiner Lippe oder der krause Flaum an seinem Kinn kann es doch nicht gewesen sein.
"Vielleicht sollte man mal wieder Knaller in 'nen Briefschlitz stecken."
"Ach, du warst das?" Dana erinnert sich an die alte Frau Jahnke, deren Schloss im letzten Jahr vom Briefkasten weggesprengt wurde.
"Ja", zuckt er mit den Schultern, "hat mir ne Menge Sozialstunden eingebracht."
Dana überlegt, ob sie auch von Sozialstunden erzählen soll. Ihre Freundin Malin ist erwischt worden mit dem Nagellack, und es war nur ein Zufall, dass Dana an dem Tag nicht dabei war. War doch ein Abenteuer, im Kaufhaus zu klauen. Das wollten sie schon so lange ausprobieren. Aber das ist Malins Geschichte, die kann sie nicht erzählen. Andererseits, irgendwas will sie ihm dafür geben, ein Geheimnis.
"Bei uns werden sie wieder streiten heute", sagt sie leichthin.
"Wir streiten nie." Ein bitterer Ton liegt in seiner Stimme, nicht die Überheblichkeit der Herkunft von der anderen Straßenseite. "Um zu streiten, muss man sich aufeinander einlassen."
Fragend sieht sie ihn an, still.
"Bei uns schweigen alle vor sich hin. Ich weiß gar nicht, wie wir das aushalten sollen, länger als zwanzig Minuten zusammen zu sein."
Dana schielt zu ihm hinüber, und sein Gesicht wirkt so ganz anders, als sie es in Erinnerung hat. So schmal, so zerbrechlich. Es ist, als ob eine Maske abgefallen ist, und darunter dieses edle Antlitz. Sie erschrickt bei diesem Gedanken, will so nicht fühlen für den miesen Spielverderber von früher. Fällt ihr denn nicht irgendein Spruch ein, etwas Cooles, mit dem sie sich schützen kann? Bevor der Vorhang wieder zugeht und er sie erneut mit einer Kränkung quält.
"Mein Vater ist spätestens nach der Kirche betrunken, so wie sonst auch um die Zeit", redet Krister einfach weiter.
"Er ist auch ein Alk?" Dana kennt die anderen in der Nachbarschaft, die keifenden Moorbachs, die beide schon mal ein blaues Auge tragen. Kemals Mutter mit den ständig geschlossenen Jalousien. Und Saschas Vater war noch vor zwei Wochen von der Polizei abgeführt worden, nachdem er Geschirr und Wäsche aus dem Fenster gekippt hatte mit dem Ausspruch, dass das jetzt mal nötig wäre.
"Ja, jeden Tag nach der Arbeit. Dann sitzt er und trinkt und ist zu nichts zu gebrauchen." Krister schnieft und wischt sich mit dem Handrücken über die Nase.
Dana möchte ihn gern trösten, ihm die Hand auf den Arm legen, aber sie kann einen fremden Jungen doch nicht anfassen.
"Sollen wir ein paar Schritte gehen?", murmelt sie leise.
"Zur Pipe?" Das Heizungsrohr aus der Überlandleitung dient manchmal als Treffpunkt für die Jugendlichen. Dana nickt, und Kristers Blick hellt sich auf.
In dem Moment ertönt eine gellende Stimme aus dem zwölften Stock: "Daaanaaa. Komm hoch. Hilf mir mal endlich."
Dana drückt sich an die Hauswand, in der Hoffnung, dass sie nicht gesehen wurde. Sie stöhnt und lässt den Kopf hängen. "Meine Mutter, ich muss hoch." Welch ein Timing!
Krister greift nach ihrer Hand, und Dana hofft, dass er nicht die abgekauten Nägel bemerkt. Aber er sieht ihr direkt in die Augen, mit einer Dringlichkeit, die sie noch nie bei einem Jungen gesehen hat.
"Kannst du später noch mal kommen? Nach der Feier?" Er hält ihre Hand fest, den Blick weiter auf ihr Gesicht gerichtet.
"So halb zehn ist bei uns auch alles vorbei."
"Gut, dann halb zehn auf dem Baby-Spielplatz. Dann gehen wir ein bisschen, ja?"
Von oben tönt wieder ein "Daanaa", und sie nickt.
"Dann habe ich wenigstens etwas, auf das ich mich noch freuen kann", drückt Krister aus, was auch sie gerade denkt.
Sein Aftershave begleitet sie, als sie ins Haus hineingeht.


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Eingereicht am 21. Februar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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