Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Weihnachten auf Isländisch

© Thomas Pielke

"Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ich selbst erlebt habe. Sie klingt sehr unglaubwürdig und erfunden, doch ist sie mir tatsächlich passiert.

Ich arbeite in einer renommierten Anwaltskanzlei in Frankfurt. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, ich bin ein Workaholic. Selten hat einer meiner Arbeitstage weniger als zehn Stunden. Oft verbringe ich auch die Wochenenden mit Arbeit. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ich noch immer Single bin - ich habe einfach keine Zeit, mich um die Liebe zu kümmern.

Letztes Jahr war es endlich so weit. Ich hatte mir den ganzen Dezember Urlaub genommen, um endlich einmal auszuspannen. Vier Wochen frei, das hatte ich dringend nötig. Schnell stand auch das Reiseziel fest: Island. Ich hatte in meiner Jugend und auch während meines Studiums mehrere Male die Insel am Polarkreis bereist und war jedes einzige Mal sehr beeindruckt heimgekehrt. Doch eine Hürde war noch zu nehmen. Ich benötigte natürlich noch eine Unterkunft und ein überfülltes Hotel, am besten noch an der Hauptstraße Reykjaviks, kam für mich auf keinen Fall in Frage. Ich wollte eine kleine, etwas abgelegene Hütte, ganz für mich alleine. Ich ging also in das nächste Reisebüro, ich muss zugeben, die Hälfte des Novembers war zu diesem Zeitpunkt schon verstrichen und erfuhr, dass keine Hütte, die meinen Ansprüchen gerecht wurde, mehr frei war. Ich konnte und wollte es nicht glauben - sie waren alle schon belegt. ‚Sie sind ja auch ein bisschen spät dran, meinen sie nicht?', grinste mir die nette Blondine hinter dem Tresen des Reisebüros ins Gesicht. ‚Die meisten Hütten sind schon seit August restlos ausgebucht.' Ein wenig verärgert schluckte ich meinen Zorn hinunter und verkniff mir eine schnippige Bemerkung. ‚Aber ich habe einen Tipp für sie', kam mir die Reiseverkehrskaufrau, oder wie auch immer ihr Beruf heißen mochte, entgegen. ‚Ich habe nur die Ferienhäuser der größeren Anbieter in meinem Computer gespeichert. Viele Privatpersonen bieten ihre Hütten nur vor Ort an. Fliegen sie doch einfach auf gut Glück hin und ich bin mir sicher, dass sie noch eine nette und vor allem günstige Hütte bekommen.' Ich bedankte mich recht herzlich und verließ das kleine Reisebüro. Draußen schlug mir die kalte Winterluft entgegen. Während ich meine Zeit in dem kleinen, stickigen Reisebüro verbracht hatte, flankiert von übergroßen Pappaufstellern, die Bikinischönheiten und muskulöse, braun gebrannte Surfer-Adonisse zeigten und somit für ein frohes Weihnachtsfest in der Dominikanischen Republik warben, hatte es angefangen zu schneien. Ich klappte also den Kragen meines Mantels hoch und bahnte mir den Weg durch die Menge, die in der Frankfurter Innenstadt ihren Weihnachtseinkäufen nachging, während dicke und vor allem kalte Flocken vor meinen Augen hinab tanzten. Vollkommen ohne einen Plan und jegliche Vorbereitung etwas zu unternehmen, war nicht meine Art. Man kann mich als Spießer oder Langweiler bezeichnen, aber ich bin nun mal nicht spontan und war es auch noch nie. Zu Hause, in meinem schicken Doppelstockappartement in Frankfurt-Eschersheim, ich weiß, nicht die beste Gegend zum Leben, angekommen, öffnete ich erst einmal den Kühlschrank und förderte einen Flasche Dornfelder Rosé zu Tage - halbtrocken natürlich. Während ich mir also den Wein zu Gemüte führte, dachte ich darüber nach, wie ich es schaffen könnte doch noch ein Ferienhaus auf Island zu buchen und zwar von Deutschland aus. Der Abend schritt langsam voran, während der Inhalt der Weinflasche das Gegenteil tat und ich hatte noch immer keine Idee. Leicht angetrunken wollte ich schon fast aufgeben und am nächsten Tag wieder die zuvorkommende Blondine in dem kleinen Reisebüro aufsuchen, um eine dreiwöchige Reise auf die Malediven zu buchen, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Auf einer meiner Jugendreisen nach Island hatte ich einen guten Freund gefunden. ‚Gunnar Ingolfson, der alte Wikinger.', dachte ich und nahm mir vor, ihn am nächsten Tag, ein Sonntag, mal ganz unverbindlich anzurufen. Vielleicht könnte er mir bei meinem Urlaubsproblem helfen und wenn nicht, dann hätte ich wenigstens ein nettes, wenngleich auch teures, Telefonat geführt. Langsam hob ich die Weinflasche, um mir auch den letzten Rest ins Glas zu schütten und stellte voller Verwunderung fest, dass nur ein Paar Tropfen heraus perlten. Ich blickte mich, mittlerweile schon mehr als nur ein wenig angetrunken um, konnte aber keinen potentiellen Weindieb ausmachen. Müde stellte ich das Glas zurück auf den kleinen gläsernen Tisch, sackte auf dem Sofa zusammen und war schon wenige Augenblicke später in einem, von lautem Schnarchen begleiteten Schlaf versunken. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, entschied ich mich, auf Grund von hämmernden Kopfschmerzen, doch erst einmal liegen zu bleiben. Ein Blick auf die leere Weinflasche brachte mir die Einsicht, dass ich nicht krank war, sondern einen mächtigen Kater hatte. Doch am frühen Nachmittag, mein Wohlbefinden hatte sich mittlerweile gebessert, war es dann soweit. Ich griff mir den Hörer des Telefons, schlug mein kleines und schon ziemlich altes Notizbüchlein auf und wählte die Nummer, die neben dem Namen Gunnar Ingolfson stand. ‚Góðan dag', meldete sich mein alter Kumpel und wünschte mir damit einen guten Tag. ‚Góðan dag', begrüßte ich ihn. ‚Ég tala ekki íslensku.', fuhr ich fort und gab ihm damit scherzhaft zu verstehen, dass ich kein Isländisch spreche, was eigentlich auch die Wahrheit war, denn mit diesem Satz, sowie einigen vereinzelten Wörtern wie Ja und Nein, war mein Isländisch auch schon erschöpft. Stille herrschte am anderen Ende Leitung. Ich konnte regelrecht hören, wie Gunnar nachdachte. ‚Alex?', durchbrach er nach einigen Sekunden endlich das Schweigen. ‚Alexander Eberling, bist du das?' Ich konnte mir das Lachen kaum noch verkneifen ‚Ja Gunnar!', prustete ich in den Hörer. ‚Ich bin es.' Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Frauen und Fußball, über Reykjavik und Regensburg (unsere Heima tstädte) und noch über vieles, vieles mehr. Endlich, nach zwei Stunden des fröhlichen Smalltalks, konnte ich ihm meine Bitte darbringen, sich doch für mich nach einer netten, kleinen und vor allem abgelegenen Ferienhütte umzusehen. ‚Mensch!', rief Gunnar in den Hörer, ich hatte bisher vergessen zu erwähnen, dass er, übrigens wie viele Isländer, nahezu perfektes Deutsch sprechen konnte. "Ich habe doch eine nette kleine Hütte im Süden der Insel. Dort kannst du gerne über Weihnachten deinen Urlaub verbringen.' ‚Klasse!', freute ich mich. ‚Ich wusste, dass ich, wie immer, auf dich zählen kann.' ‚Bis zum 11. Dezember sind meine Eltern in der Hütte, dann kommen sie aber wieder nach Hause und du kannst so lange du möchtest dort wohnen. Sag mir einfach, sobald du den Flug gebucht hast, wann ich dich vom Flughafen abholen soll.' Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Ich hatte mit diesem Anruf nicht nur einen kostenlosen Aufenthalt in einer isländischen Ferienhütte bekommen, sondern dazu noch eine Mitfahrgelegenheit. Nach dem wir das geklärt hatten, gingen wir wieder zum Smalltalk über, bevor wir eine Stunden später mit besten Wünschen das Gespräch beendeten. Ein plötzliches, mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch breit, als ich den Hörer auflegte. Schließlich hatte ich gerade drei Stunden mit der großen, nordatlantischen Insel telefoniert, das würde sich auf der nächsten Telekom-Rechnung bestimmt bemerkbar machen. Aber mit der Erkenntnis, dass ich die Kosten für Hütte und Mietwagen sparen konnte, verflüchtigte sich das Gefühl auch schon wieder.

Einige Wochen später war es dann so weit. Ich stand im Check-in Bereich des Frankfurter Flughafens und wartete darauf, das ich das Flugzeug der isländischen Airline, es war in den schicken Farben Blau, Weiß und Gelb gehalten, endlich betreten konnte. Eine blonde Stewardess kam auf mich zu, nahm mir mein Ticket ab und ließ mich an Bord des stählernen Vogels, wo ich mich auf meinen Fensterplatz begab. Keine Viertelstunde später hoben wir ab. Ich hatte Glück, die beiden Sitze, die mich vom Gang trennten, waren leer, so wie ungefähr die Hälfte des gesamten Flugzeuges. ‚Winterflüge nach Island scheinen sich eher einer niedrigen Beliebtheit zu erfreuen.', dachte ich und biss genüsslich in das Putensandwich, welches mir von einer weiteren blonden Stewardess überreicht wurde, während einige tausend Meter weiter unten, dass verriet mir der Blick aus dem Fenster, die norddeutsche Tiefebene in die Nordsee überging. Fast drei Stunden lang war unter uns nur Wasser zu sehen, doch dann tauchte sie auf, die Königin unter den Inseln - Island. Schwarze Felsen und Klippen, fast vollkommen bedeckt von Gletschern und dem winterlichen Schnee. Langsam näherte sich der große Metallvogel der Erde und gewährte mir dadurch den Blick auf Straßen und kleine Siedlungen. ‚Wer weiß', kam es mir in den Sinn. ‚Vielleicht ist eines von diesen Gebäuden, das mir für die nächsten Tage ein Heim bieten wird. Sanft setzte das Flugzeug auf und rollte aus, damit wir, seine Passagiere, den Flughafen betreten konnten. Na gut, das was die Isländer einen Flughafen nennen. Wenn man von Frankfurt aus nach Island fliegt, ist es als ob es einen in eine andere Welt verschlägt. Wimmelte es in Frankfurt nur so von Menschen in den riesigen Flughafenhallen, war es dagegen in Keflavik, dem einzigen internationalen Flughafen der Insel, richtig beschaulich. Ich stieg also aus dem Flugzeug und betrat einen langen Gang, von dem die einzelnen Gangways, wenn ich mich nicht irre, waren es sechs, zu den Fliegern führten. Am Ende des Ganges betrat ich eine Treppe hinab zu den Gepäckbändern und kurz darauf hinaus auf den Parkplatz. Kalte Luft schlug mir ins Gesicht und ich zitterte, immer noch an die warme Luft des Flugzeugs gewöhnt. Vor dem Flughafen wartete der Bus, der die meisten der Reisenden in die nahe gelegene Hauptstadt Reykjavik bringen sollte. Doch ich folgte nicht der kleinen Menge Menschen, die sie aus der Glastür hinaus gen Bus schoben. Ich blickte stattdessen über den Parkplatz, in der Hoffnung meinen alten Freund Gunnar zu erblicken. Doch so sehr ich mich auch anstrengte und die Augen, zum Schutz vor dem kalten Wind zukniff, konnte ich ihn nicht erblicken. ‚Bist du zufällig Alexander?', sprach mich eine hübsche Frau, sie war ungefähr Ende Zwanzig, mit leichtem isländischen Akzent, an. Ihre Haare waren, wie konnte es auch anders sein, blond. ‚Ja, der bin ich.', antwortete ich ein wenig verwirrt. "Hallo, ich bin Gunnars Schwester Hildegard.', sprach sie und lächelte. ‚Gunnar kann leider nicht kommen. Ein Freund von ihm hatte einen Unfall und Gunnar ist nach Akureyri, das liegt ganz im Norden der Insel, gefahren, um ihm beizustehen.' Natürlich war ich im ersten Augenblick über die Worte der hübschen Frau ein wenig enttäuscht, konnte aber Gunnars Beweggründe sehr gut verstehen. Außerdem hatte er mich nicht vergessen, sondern immerhin seine Schwester geschickt, um mich abzuholen. Kurze Zeit später saßen wir in Hildegards Geländewagen und fuhren Richtung Reykjavik. ‚Wo genau ist denn die Hütte?', fragte ich sie. ‚Sie ist ganz in der Nähe vom Dorf Skogar.', kam prompt die Antwort. ‚Das liegt an der Südküste.' Von Gunnar wusste ich, dass er mich den weiten Weg nach Skogar gefahren hätte, doch seiner Schwester, sie war für mich schließlich noch eine Fremde, konnte ich das nicht zumuten. ‚Du kannst mich dann am Busbahnhof rauslassen, von dort fährt eine Linie doch bestimmt nach Skogar, oder?' Verdutzt schaute sie mich an, dann aber sofort wieder auf die Straße. ‚Wieso mit dem Bus?', fragte sie mich. ‚Mein Bruder hat mich gebeten, dich zu seiner Hütte zu fahren und das werde ich auch tun.' Geschmeichelt von dieser Gastfreundschaft wollte ich dennoch protestieren. ‚Das muss doch wirklich nicht sein. Wenn wir da sind, ist es doch schon dunkel und ich möchte nur ungern, dass du dann noch den ganzen weiten Weg zurück nach Reykjavik fahren musst.' Erneut musste ich einen abschätzenden Blick von ihr kassieren. ‚Keine Widerrede!', schimpfte sie schon fast mit mir. ‚Ich bringe dich nach Skogar. Mein Bruder hat mich darum gebeten, also werde ich das auch tun.' Diesem Machtwort wollte ich nichts entgegen setzen und schwieg lieber. Ein Bekannter von mir hat einmal gesagt, dass alle Männer unter dem Pantoffel ihrer Frauen stehen. Ich kannte Hildegard gerade mal eine Stunde und musste zugeben, dass sie ihren Hausschuh schon geschickt über mich platziert hatte. Langsam wichen die Felsen, die die Straße den ganzen Weg über flankiert hatten zurück und machten Platz für die ersten Häuser eines kleinen Vororts Reykjaviks. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, dass mir die Kinnlade hinunter klappte. Wie bereits erwähnt, hatte mich mein Weg schon mehrere Male auf diese Insel geführt, aber noch nie zuvor zur Weihnachtszeit. In den Fenstern der Häuser blinkten bunte Kunststoffweihnachtsbäume, die Dachrinnen waren mit Lichterketten verziert und von den Straßenlaternen hingen beleuchtete Sterne aus Tannenzweigen. ‚Wow!', entfuhr es mir. ‚Ihr fahrt zu Weihnachten ja echt einiges auf.' Erneut erschien ein Lächeln auf dem Gesicht meiner blonden Begleiterin. ‚Wir Isländer lieben es zu Weihnachten die Häuser und Gärten zu schmücken.', erzählte sie mir. ‚Jeder von uns möchte die schönste Weihnachtsdekoration haben. Aber es ist kein Wettkampf. Viel mehr freuen wir uns für den Nachbarn, der seinen Baum schöner geschmückt hat.' Die Worte waren für mich eine weitere Bestätigung dafür, dass sich aus dem rauen Seefahrer-Volk der Wikinger die friedlichen und sehr zuvorkommenden Isländer entwickelt haben. Die Fahrt führte uns über Hügelketten und durch Schluchten, vorbei an einigen kleinen Wasserfällen, die als solche nicht mehr zu erkennen waren. Die winterliche Kälte hatte das Wasser zu bizarren Eissäulen erstarren lassen, die aus dem Boden zu wachsen schienen. ‚Beeindruckend!', teilte ich Hildegard meine Empfindungen mit. "Ich hätte nicht gedacht, dass Island im Winter so schön ist. ‚Island ist immer schön!', belehrte sie mich, dabei natürlich nett lächelnd. Mittlerweile hatte sich die Dunkelheit über die eingeschneite Insel gelegt und vor uns in der Ferne, tauchten einige Lichter auf. ‚Dort vorne ist Skogar.', erzählte mir Hildegard. ‚Wir allerdings müssen hier links fahren.' Sie bog von der befestigten Hauptstraße auf einen unbefestigten Weg, den ich persönlich unter der Schneedecke und in der abendlichen Dunkelheit nicht gesehen hätte. Langsam fuhren wir zwischen zwei hohen Felsen hindurch und kamen in ein kleines, windgeschütztes Tal. In der Mitte des Tals stand eine hölzerne Hütte. Ich persönlich hatte ein kleines Gebäude aus windschiefen Brettern erwartet, doch ich hatte mich sehr geirrt. Die dunkle Farbe des Holzes lies zwar darauf schließen, dass die Hütte schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, doch das trug sehr zu ihrem Charme bei. ‚So, da wären wir.', sprach Hildegard, parkte dabei ihren Geländewagen vor der Eingangstür und stieg aus. Ich folgte ihr in die Hütte hinein und schloss hinter mir die Tür um nicht die Kälte herein zu lassen. ‚Ich hoffe es gefällt dir hier.', sagte meine blonde Fahrerin und verschwand aus dem Flur in die Küche. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich ihr selbstverständlich folgte. Sie zeigte mir den Kühlschrank, Gunnar hatte ihn zu meiner Überraschung bis oben hin gefüllt, das Badezimmer, das Schlafzimmer, sowie den Essens- und Aufenthaltsraum, der sogar einen Großbildschirmfernseher zu bieten hatte. ‚Gunnar sollte diese Hütte vermieten.', sagte ich und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alles in diesem Gebäude schien perfekt zu passen. Spitzenbesetzte Vorhänge hingen vor den Fenstern, ein Bücherschrank stand in einer Ecke, ein grünes Sofa in der anderen. "Ich werde dann mal gehen.', wollte sich Hildegard verabschieden und ging schon Richtung Tür. ‚Willst du wirklich den ganzen Weg zurück nach Reykjavik fahren?', fragte ich protestierend. ‚Draußen ist es stockdunkel und die Strassen sind bestimmt glatt. Ich kann doch auf dem Sofa schlafen und du im Bett, oder nicht?' ‚Danke für das Angebot.', kam prompt ihre Antwort. ‚Aber ich werde heute nicht zurück fahren. Ich verbringe die Nacht bei einer Freundin und fahre dann morgen zurück.' Bevor ich auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, hatte sie mich zum Abschied gedrückt und war durch die Haustür in die eisige Dunkelheit verschwunden. ‚Das hast du ja toll angestellt.', sagte ich zu mir selbst. ‚Du hättest so eine hübsche Frau nicht einfach gehen lassen dürfen.' Es war eh zu spät sie noch aufzuhalten, also ging ich wieder in die Küche und öffnete die Kühlschranktür. Gunnar hatte wirklich an alles gedacht. Wurst stapelte sich auf Käse und Fisch. Ein tiefes Grummeln drang aus meinem Magen zu mir und ließ mich bemerken, wie hungrig ich doch war. Gierig schnappte ich mir ein Stück Mettwurst, als mir eine grüne Flasche auffiel, an der ein Zettel hing. Ich nahm die Flasche und bemerkte freudig, dass es sich bei dem Inhalt um isländischen Kümmelschnaps handelte. ‚Lieber Alex.', las ich den Zettel laut vor, auch wenn niemand da war, der meine Worte hören konnte. ‚Bedien dich bitte, ich habe extra alles für dich gekauft. Ich hoffe, dir gefällt meine bescheidene Hütte. Hab eine schöne Zeit und lass dich nicht von den Weihnachtsmännlein ärgern. Gruß, dein Gunnar.' ‚Weihnachtsmännlein?', dachte ich, schüttelte dann aber ungläubig den Kopf und erinnerte mich daran, dass Gunnar schon immer einen merkwürdigen Humor gehabt hatte. Mit der Flasche Kümmelschnaps in der einen und der Mettwurst, sowie einem Stück Brot in der anderen Hand ging ich in die Wohnstube, setzte mich auf das gemütliche Sofa und schaltete den Fernseher ein. Das gute an den meisten Filmen und Serien die im isländischen Fernsehen gezeigt wurden war, dass sie im Originalton, meist Englisch mit isländischen Untertiteln, liefen. Ich konnte also, auf Grund meiner guten Englischkenntnisse, jedes Wort verstehen. Nachdem ich schon einige Schlucke von dem leckeren Schnaps zu mir genommen hatte überfiel mich, erst langsam, doch dann immer schneller, eine tiefe Müdigkeit und bevor ich auch nur daran denken konnte ins Bett zu gehen, fiel ich in einen traumlosen Schlaf, nichts ahnend, dass am nächsten Tag die merkwürdigen Ereignisse beginnen sollten. Geweckt wurde ich durch die winterlichen Sonnenstrahlen, die durch die Fenster hinein drangen. ‚Es ist schon hell.', dachte ich. ‚Dann muss es schon ganz schön spät sein.', und stand auf. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass sich die Zeiger schon gen Mittag bewegt hatten und bestätigte meine Annahme. In Island hatte man im Dezember nur wenige Stunden Sonnenlicht und die dann während der Mittagszeit. Mein erster Weg führte mich, wohin auch sonst, auf die Toilette. Danach öffnete ich die Haustür um die kalte Morgenluft, ich meine natürlich Mittagsluft, in mich einzusaugen. Das Tal, ich hatte es am Vortag in der Dunkelheit nicht wirklich betrachten können, wurde von felsigen Hügeln umschlossen, die unter einer tiefen Schneedecke lagen. Der Weg, den wir am Abend befahren hatten, führte durch eine Öffnung im Fels und schien der einzige Weg aus dem Tal hinaus. Gerade als ich vor Kälte zitternd wieder die Tür schließen wollte, fiel mein Blick auf eine kleine Milchkanne, die vor mir auf dem gefrorenen Boden stand. ‚Du standest hier gestern aber noch nicht.', sprach ich zu ihr und nahm sie auf, um sie in das warme Innere der Hütte zu tragen. Auf einem Zettel, der an der Kanne klebte, teilte mir Hildegard mit, das s es sich um frische Milch von einem Bauern aus Skogar handelte, der mich mit diesem kleinen Geschenk begrüßen wollte. Außerdem stand auf dem Zettel noch ihre Telefonnummer, mit dem Hinweis, dass ich mich jederzeit bei ihr melden könnte, wenn ich etwas brauchen würde. Ich stellte die Milch auf den Küchentisch, holte mir frische Wäsche aus meinem Koffer und verschwand im Badezimmer. Das warme Wasser der Dusche schien meinen Körper zu erfrischen und zu beleben, als ich auf einmal ein lautes Geräusch hörte. Schnell schaltete ich das Wasser aus und lief, nackt und nass wie ich war, in die Küche. Der Deckel der Milchkanne lag auf dem Boden. Verwundert hob ich ihn auf schraubte ihn wieder auf die Kanne, bevor ich im Badezimmer verschwand um mich abzutrocknen und anzuziehen. Ich entschied mich dafür, einen kleinen Spaziergang durch das verschneite Tal zu unternehmen. Dick angezogen, mit tief ins Gesicht gezogener Mütze, verließ ich die Hütte und betrat die Kälte. Der Schnee war teilweise so hoch, dass er mir fast bis zum Knie reichte. Doch diese Tatsache hielt mich bei weitem nicht davon ab, die fast unberührte Natur zu genießen. Möwen kreisten über mir und schrieen in hohen Tönen. Ein Polarfuchs, mit seinem weißen Fellkleid kaum im Schnee auszumachen, beäugte mich kritisch und verschwand kurz darauf in seiner Höhle zwischen den Felsen. ‚Ach ja.', sprach ich zu mir selbst. ‚Hier ist die Welt noch in Ordnung.' Und ohne mich hervortun zu wollen, muss ich doch sagen, dass ich vollkommen Recht hatte. Obwohl es mein erster richtiger Urlaubstag war, hatte ich die ganzen Kriminalfälle, die Morde und Betrügereien, mit denen ich mich täglich herum schlug, vergessen. Welch wunderbares Gefühl das doch war. Mittlerweile hatte ich das Ende des Tals erreicht und stand vor einer steilen und schroffen Wand aus massivem Fels. Schneeflocken fingen an vom Himmel zu fallen, erst zaghaft, doch dann immer schneller und wilder. ‚Ich sollte vielleicht umkehren.', dachte ich und drehte mich um. Dort, direkt in der Mitte des Tals, welches ich als mein ganz persönliches Reich ansah, lag sie: meine Hütte. Na gut, ich gebe es ja zu, eigentlich war es Gunnars Hütte. Aber für die Zeit meines Urlaubs gehörte sie ganz allein mir. Ich stutzte. Durch das Schneetreiben hindurch blickte ich auf das hölzerne Gebäude. Doch davor, halb von einem Schneehügel bedeckt, stand ein kleines Männchen, ganz in Rot gekleidet. Ich kniff meine Augen zusammen, um besser zu sehen, doch das Wesen war schon verschwunden. Ich schüttelte den Kopf und ging langsam zurück zur Hütte, während die Sonne, obwohl es gerade erst früher Nachmittag war, begann hinter dem Horizont zu verschwinden. An der Hütte angekommen suchte ich nach Fußspuren, die auf die Existenz des kleinen Mannes hätten deuten können, doch der starke Schneefall hatte sie, wenn es sie denn überhaupt gegeben hätte, verwischt. Schultern zuckend betrat ich mein warmes Heim und legte die dicken Klamotten ab, während mich ein Grummeln aus der Bauchgegend lautstark daran erinnerte, dass ich noch nichts gegessen hatte. Also stapfte ich mit schnellen Schritten in die Küche und erschrak. Der Deckel der Milchkanne lag wieder auf dem Boden. ‚Was ist mit diesem Ding bloß los?', fragte ich in die Leere und bekam ein leises Kichern als Antwort. ‚Wer war das?', platzte es mir heraus. Doch anstatt einer Antwort hörte ich nur das Zuschlagen der Eingangstür. Mit zwei Schritten stürmte ich aus der Küche hinaus in den Flur und sah: Nichts. Der Flur war leer. Natürlich nicht ganz leer. Meine Schuhe standen neben der Garderobe und meine Jacke hing am Haken, aber von einem Einbrecher oder einem kleinem Männchen, egal ob klein und grün oder klein und rot, war rein gar nichts zu sehen. ‚Ich habe schon Halluzinationen', sprach ich zu mir selbst. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir wirklich sicher, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte. Auf den Reisen, die ich schon auf die Insel unternommen hatte, hatten mir die Isländer viel von den Elfen und Trollen aus ihrer Mythologie erzählt. Wahrscheinlich hatten sich, jedenfalls dachte ich es, diese Geschichten in meinen Kopf gesetzt und mir die Ereignisse nur vorgegaukelt. Der Rest meines ersten richtigen Urlaubstages verlief ruhig und ohne weitere Zwischenfälle, die stinkende Socke, die ich unter dem Sofa fand mal ausgenommen. Ich hatte seit Jahren mal wieder Zeit ganz in Ruhe in einem Buch, Dunkel von Wolfgang Hohlbein - ich hatte es mir am Flughafen Frankfurt gekauft, zu lesen und tauchte tief und voller Spannung in die geheimnisvolle Welt von dunklen Vampiren ab. Die nächsten beiden Tage verliefen ähnlich ruhig. Jeden Morgen machte ich einen kleinen Spaziergang durch den Schnee um danach, von der Bewegung in der Kälte ganz hungrig, ein ausgiebiges Frühstück zu genießen. Das einzige was mir auffiel, waren die tapsenden Geräusche, die in unregelmäßigen Abständen an mein Ohr drangen, die ich aber dem brausenden Winterwind zuschrieb. An dem vierten Tag meines Urlaubs wurde es dann schlimmer. Ständig fiel in der Küche etwas zu Boden, zunächst nur das Besteck, am Abend aber auch ein Teller, der in tausend Teile zersplitterte und ich war mir sicher nach jedem lauten Geräusch ein leises, geradezu entferntes Kichern zu vernehmen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit und die spannende Vampirgeschichte trug nicht gerade zur Stärkung meines Selbstvertrauens bei. Ganz im Gegenteil. Ich redete mir ein, dass die Geräusche von unsichtbaren Vampiren kamen, die es auf mein Leben abgesehen hatten. Aus dem Mund eines erwachsenen Mannes mit immerhin fünfunddreißig Jahren auf dem Buckel, scheinen diese Worte vielleicht lächerlich zu klingen, aber ich hatte wirkliche Angst. Oft wanderte mein Blick zum Telefon und ich überlegte ernsthaft irgendjemanden anzurufen. Hildegard kam mir als Gesprächspartnerin am häufigsten in den Sinn. Ich dachte aber auch daran, Gunnar und sogar die Polizei anzurufen, verwarf diese Gedanken aber jedes einzige Mal. Die Tage gingen an mir vorbei und jeden Tag passierten weitere seltsame Vorfälle. Geschlossene Türen wurden wie von Geisterhand geöffnet und zugeschlagen. Zunächst verschwanden nur angebrannte Essensreste aus der Pfanne, später aber auch Wurst und Käse aus dem Kühlschrank. Am 21. Dezember war der Punkt erreicht an dem ich nicht mehr weiter wusste. Ich hatte gerade die letzten Worte in meinem Buch gelesen. Mein Blick wanderte durch den Wohnraum und blieb am Fenster hängen. Ich erschrak fürchterlich und zuckte zusammen. Zwei große Augen, die zu einem kleinen, blassen Gesicht gehörten, starrten von draußen in die Hütte hinein. ‚Was fällt dir ein, du Lümmel!', schrie ich in Richtung des Fensters, worauf das Gesicht verschwand. Mit schnellen Schritten lief ich zur Tür, öffnete sie und trat, ohne Jacke, in die Kälte hinaus. Aber so oft ich auch um die Hütte herum lief, konnte ich doch kein neugieriges Kind sehen. Das einzige was ich erblickte, war Schnee ohne Ende. Überall nur Schnee. ‚Was mache ich hier eigentlich?', rief ich in die endlose Leere. ‚Ich jage hier draußen irgendwelchen Geistern nach, die nur in meinem Kopf existieren. Fröstelnd und vor Verzweiflung den Tränen nahe betrat ich wieder meine Hütte und wärmte mich mit einem Schnaps. Langsam schritt ich zum Telefon. Um mich herum wurden Türen laut zugeschlagen, Besteck fiel auf den Boden und der keine Rotzlöffel blickte durchs Fenster in die warme Stube. Ich nahm den Hörer ab und wählte Hildegards Nummer. ‚Góðan dag', erklang eine sanfte Stimme am anderen Ende Leitung. ‚Hallo Hildegard.', antwortete ich darauf. ‚Hier ist Alex. Ich brauche deine Hilfe!' Meine Worte klangen hilflos und verzweifelt. ‚Alex!', rief die hübsche Isländerin geradezu in ihr Telefon. ‚Was ist denn mit dir los? Ist irgendetwas passiert?' ‚Ich glaube ich verliere den Verstand', erzählte ich ihr. ‚Ich höre Geräusche und sehe Wesen, die es nicht gibt. Sie schauen durchs Fenster hinein und schlagen die Türen laut zu. Ich halte das alles nicht mehr aus. Das liegt wahrscheinlich an der Eins amkeit, die ich nicht gewöhnt bin.' ‚Warte bitte, Alex.' Hildegard klang besorgt. ‚Ich bin spätestens in vier Stunden bei dir. Unternimm nichts ohne mich.', sprach sie und legte auf. Ich setzte mich auf das Sofa und starrte an die Decke. Die nächsten vier Stunden schienen für mich eine Ewigkeit zu dauern. Während der ganzen Zeit nahmen die Geräusche kein Ende. Türen schlugen zu und das Besteck klapperte auf dem Boden umher, doch mein Blick wich nicht von der Decke. Schließlich brauchte ich nicht zum Fenster hinüber zu schauen um zu wissen, dass ich von zwei großen Augen beobachtet wurde.

Doch auch die längste Wartezeit und mag man sich dabei auch noch so unwohl fühlen, geht einmal vorbei. Nach Stunden, mein Gefühl sagte mir, es waren eher Tage, hörte ich endlich das erlösende Geräusch von Reifen, die über den knirschenden Schnee fuhren. Nur wenige Augenblicke später kam Hildegard erst durch die Haustür und dann in das Wohnzimmer gestürzt. ‚Ich bin so schnell gefahren, wie ich nur konnte.', rief sie, ganz außer Atem. ‚Was ist los? Was ist mit dir passiert?' Ich saß mit angewinkelten Beinen auf dem Sofa und starrte sie an. Von ihrem entsetzten Gesichtsausdruck zu urteilen, spiegelte sich die Angst in meinen Augen wieder. ‚Hörst du das nicht?', fragte ich sie in tiefer Verzweiflung. ‚Diese ganzen Geräusche, das geht seit Tagen so!' Hildegard zog ihre Jacke aus, warf sie einfach auf den Boden, setzte sich zu mir und lauschte. Wir brauchten nicht lange warten, genau genommen waren es nur wenige Sekunden, da wurde eine Tür erst quietschend geöffnet nur um darauf mit einem lauten Knall zugeschlagen zu werden. Hildegard zuckte bei dem Geräusch zusammen, doch sofort erschien ein fröhliches Lächeln auf ihrem Gesicht. ‚Wahnsinn!', brachte sie zum Ausdruck und vergewisserte sich ihrer Annahme mit einem kurzen Blick auf den, an der Wand hängenden Kalender. ‚Ich glaube, wir haben es hier mit den dreizehn Jolasveinar zu tun.' Ich blickte sie fragend an und sie verstand, dass ich kein Wort verstanden hatte. ‚Jolasveinar heißt so viel wie Weihnachtsgesellen.', sprach sie aufgeregt und voller Übermut weiter. ‚Das sind kleine Kobolde, die kurz vor Weihnachten auftauchen um den Menschen Streiche zu spielen. Ich selber habe noch nie welche gesehen, aber mir wurde schon häufig von ihren Taten erzählt.' Mein fragender Blick musste sich in eine Art Unverständnis gewandelt haben. ‚Okay, jetzt bist du vollkommen durchgedreht.', hätte ich am liebsten zu ihr gesagt, konnte mir aber noch rechtzeitig auf die Lippe beißen. ‚Ich weiß ja, dass ihr Isländer gerne an Elfen und Feen glaubt, aber bist du dir deiner Sache wirklich ganz sicher?', fragte ich sie stattdessen. ‚Ich beweise es dir!', antwortete sie entschlossen und rief darauf einige Isländische Wörter in die warme Luft des Wohnzimmers. Auch wenn ich es gerne könnte, kann ich diese Worte nicht mehr wiedergeben. Das einzige was ich verstand, war wieder dieses merkwürdige Wort ‚Jolasveinar'. Einige Sekunden später wollte ich meinen Augen nicht trauen. Nacheinander, in Reih und Glied, kamen zehn kleine, etwa fünfzehn Zentimeter große, oder eher kleine, Männlein ins Wohnzimmer stolziert. Einer frecher grinsend als der Nächste. Alle trugen die gleiche Kleidung: einen roten Mantel und eine ebenso rote Mütze mit Fell besetztem Saum. Ansonsten waren sie doch recht unterschiedlich. Einige waren eher pummelig und untersetzt, andere dagegen rank und schlank. ‚Das sind aber nur zehn.', sagte ich, weil ich in diesem Moment so perplex war und an nichts denken konnte. Ich rieb mir ungläubig meine Augen. ‚Sag mal Hildegard, träume ich wirklich, oder stehen da leibhaftige Kobolde?' Die blonde Isländerin fing an freundlich zu lachen und die zehn kleinen Männlein stimmten mit ein. ‚Ja Alex, da stehen wirklich Kobolde.', antwortete sie. ‚Es sind nur zehn, weil die restlichen drei erst in den nächsten Tagen kommen. Am vierundzwanzigsten Dezember sind dann alle da und am nächsten Tag, geht der erste schon wieder.' Hildegard erzählte mir den ganzen Abend lang alles über die Weihnachtskobolde, was ich wissen wollte. Ich erfuhr, dass die Jolasveinar in den letzten Jahren sehr selten geworden sind und ich großes Glück hatte, dass sie sich ausgerechnet mich als Opfer für ihre Streiche ausgesucht hatten. Eigentlich waren diese Geschöpfe sehr freundlich, doch zu Weihnachten kamen sie aus ihren Verstecken heraus um ein wenig Spaß zu haben und ihr Verständnis von Spaß besteht nun mal aus Türen schlagen, Essen klauen und Krach machen. Hildegard schlug mir vor, dass sie die restlichen Tage meines Urlaubs in der Hütte verbringen und wir gemeinsam den Taten der kleinen Männlein beiwohnen könnten. Ich fand die Idee natürlich großartig. Wann hatte man schon einmal die Chance mit so einer hübschen, netten und auch klugen Frau ein paar Tage ganz allein, abgesehen von den Jolasveinar, zu verbringen? Die Zeit wurde zur Schönsten meines Lebens. Täglich machten wir einen ausgedehnten Spaziergang durch das Tal, dabei immer von dem Männlein mit den großen Augen beobachtet und unterhielten uns über Gott, Elfen, Zwerge und die Welt. Der Urlaub war wirklich einzigartig und er erreichte seinen Höhepunkt an Heiligabend. Gemeinsam, mit allen dreizehn Kobolden, saßen wir unterm Weihnachtsbaum, den wir aus Skogar geholt hatten und sangen isländische Weihnachtslieder, die mir Hildegard zuvor beigebracht hatte. Es klingt vielleicht komisch, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich gefühlt, als ob ich eine Familie hätte. Der Abend schritt voran und die dreizehn Kobolde, natürlich machten sie immer noch krach und stibitzten unsere Vorräte, aber man hatte sich irgendwie daran gewöhnt, verließen die Hütte um Skogar zu besuchen und die Leute dort ein wenig zu ärgern. Gleichzeitig versprachen sie aber auch, am nächsten Tag zu uns zurückzukehren. Hildegard und ich, obgleich wir die Männlein auf eine bestimmte Art lieb gewonnen hatten, waren froh darüber ein wenig Zeit allein verbringen zu können und nutzten diese auch, doch das möchte ich hier nicht weiter ausführen. Ich musste erkennen, dass ich mich doch tatsächlich in die Schwester von meinem alten Freund Gunnar verliebt hatte und Hildegard schien auch gefallen an mir zu finden. Doch leider geht auch der schönste Urlaub einmal vorbei. Schon einige Tage später brachte mich Hildegard, nachdem ich mich von den verbliebenen Kobolden verabschiedet hatte, zum Flughafen nach Keflavik. Und nun sitze ich hier, hoch über dem atlantischen Ozean im Flugzeug, welches mich zurück nach Deutschland bringt und blicke auf die Zeit zurück, die ich in Island erlebt habe. Ich kann kaum die Osterfeiertage abwarten, denn dann kommt Hildegard mich in Frankfurt besuchen und wer weiß, vielleicht bleibt sie ja irgendwann einmal für immer oder ich gehe nach Island. Wer weiß denn schon, was das Leben einem so bringt."

Eingereicht am
28. März 2007

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Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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