Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Ambra

© Elke Gabriele Amon

Der alte Fettwanst schnaubte. Es ekelte mich, trotzdem wanderte mein Blick schon zum dritten Mal zu ihm hinüber. Er trug eine weinrote Jacke, ein schwarzes Ledergebilde, welches mehrere Löcher aufwies, an den Füßen und auf einmal - oh Schreck - entdeckte ich ... zwei seiner Zehen! Zielsicher hatten sie sich durch eine Naht entlang der Sohle gezwängt. Mein Magen hob sich. Wieder versuchte ich meinen Blick von dem Mann abzuwenden. Trug er etwa nicht einmal Socken? Wenn doch, wie lange musste er sie schon nicht gewechselt haben, wenn Socke und Schuh an derselben Stelle ein Loch aufwiesen? Wie das drinnen stinken musste! Was sollte ich mit diesem Kerl nur anfangen?

Ich beschloss mich um diesen Teil der Geruchsbelästigung in dem kleinen, völlig überheizten Raum im Moment nicht zu kümmern. Der Alkoholdunst hatte mich erreicht und mein Magen, oh, mein Magen! Starker Brechreiz überkam mich, ich musste das Fenster öffnen und begann ausführlich zu husten, wobei mir Tränen in die Augen stiegen. Ein Passant sah mich im Vorübereilen erstaunt an: "Nicht so viel rauchen, mein Fräulein!" Das hatte ich wieder notwendig gehabt. Zornig wischte ich mir mit dem Handrücken die Tränen aus den Augenwinkeln und schnäuzte mich. Jetzt erst bemerkte ich den Lärm auf der Straße und die Tatsache, dass der Gestank, der von dem Obdachlosen ausgegangen und jetzt auch noch aufgeheizt worden war, gegen ein Gemisch aus Kohlendioxyd und Hundekot ausgetauscht worden war. Ich beschloss trotzdem dem Geruch von draußen den Vorzug zu geben und das Fenster nicht zu schließen. "Können Sie mir Ihren Namen verraten?", vorsichtig tupfte ich ihn am Ärmel. Er grunzte. Oh Mann, diese Fingernägel ... Nein, diesen Job hatte ich mir wirklich anders vorgestellt. Warum gab es für mich nie interessante Fälle? Ich saß hier mit einem betrunkenen Namenlosen, der es sich mittlerweile auf der Holzbank im Aufenthaltsraum bequem gemacht hatte und schmatzend schnarchte. Speichel tropfte aus seinem Mund und man konnte deutlich erkennen, was der Kariesbefall bei seinem Zahnmaterial verursacht hatte. Ich musste mich angewidert abwenden, blickte jedoch nur wenig später wieder in seine Richtung. Neben ihm stank eine fast geleerte Bierflasche gemütlich vor sich hin. Meine Gedanken führten mich zurück in meine Kindheit. Während des Verlegens der Kanalrohre auf der Hauptstraße, das mehrere Wochen in Anspruch genommen hatte, hatte ich jeden Abend in der Nähe der Baustelle gespielt und die leeren Bierflaschen entdeckt, welche die Arbeiter achtlos auf den Straßenrand gestellt hatten. Weil ich wusste, dass man beim Greißler dafür Pfandgeld bekam, überwand ich damals meinen Ekel und sammelte sie ein.

Als Belohnung winkte mir für die Dauer der Bauphase täglich ein großes Eis.

Erneutes Grunzen holte mich in die Gegenwart zurück, die vom Alkoholdunst des namenlosen Mannes umnebelt wurde. Wehmütig dachte ich an die jungen, gut gekleideten, immer lächelnden, sich freundlich unterhaltenden, reichen, in einer repräsentativen Wohnung lebenden Menschen aus der Bierwerbung. Das Bild, das einem vorgegaukelt wird, wollte nicht aus meinem Kopf verschwinden und stellte automatisch einen Vergleich mit dem des Obdachlosen her, von dessen momentanem Schnarchen ich annehmen musste, dass es Tote aufwecken könnte. Nach einem Blick auf meine Uhr stellte ich fest, dass ich noch lange nicht abgelöst würde und deshalb auf mich alleine gestellt war. Ich überlegte, was jeder andere meiner Kollegen in dieser Situation unternehmen würde. Weil ich nicht grob zu dem Mann sein und ihm auch möglichst aus dem Weg gehen wollte, beschloss ich, dass es zunächst wohl das Beste wäre, ihn seinen Rausch ausschlafen zu lassen. Das Personal war momentan knapp und so würde wohl keiner auf die Idee kommen, mir unangenehme Fragen zu stellen. Die Identität des Mannes wollte ich zu einem späteren Zeitpunkt in Erfahrung bringen und dann seine gesamten Daten ordnungsgemäß dokumentieren.

Als gäbe er mir ein Zeichen, dass er damit einverstanden war, drehte er sich im Schlaf um ohne von der Bank zu stürzen. Er schien zu lächeln, jedenfalls interpretierte ich sein zu einer hässlichen Fratze verzogenes Gesicht so. Irgendwie tat er mir leid, dieser seltsame Gast. Sein Bart müsste dringend gestutzt werden und ein ordentliches, langes Vollbad, in dessen Verlauf man seine sicherlich verlauste Kleidung gegen neue Sachen austauschen müsste, hätte ihm auch nicht geschadet. Aber wie sollte ich das in die Wege leiten? Ich hatte es ja nicht einmal geschafft ihn wach zu bekommen! Um mich nicht weiter damit auseinandersetzen zu müssen, breitete ich eine Decke über ihm aus. Damit dämmte ich wenigstens seinen üblen Geruch ein und hoffte mich auf anderes konzentrieren zu können ... Er ist weg! Um Gottes Willen! Was mache ich jetzt bloß? Hilfe! ... nur nicht panisch werden ... beruhige dich... Du findest ihn. Er kann noch nicht weit gekommen sein. Mensch, der war ja so betrunken... Oder ... hat er sich, nein, das kann nicht sein! Vielleicht doch - viele dreiste Diebe sind nicht als solche zu erkennen. Nein, der war sternhagelvoll! ... die Handkasse! - Nein, zum Glück nicht ... Der nächste ... Säufer bleibt draußen, egal wie kalt es ist. Wenn er dann erfriert? - Sollen sie mich doch entlassen ...! ... ist ja eh schon alles egal. Warum verschwindet dieser Mensch nur? Seine Daten ... Mist! Ich habe nur kurz diesen unnötigen Bürokram erledigt. Unnötig ... - Warum gibt es hier nicht eine Sekretärin, die diese Dinge erledigt? Warum? Wieder einmal bleibt es an mir hängen ... Der Penner haut einfach ab und ich sitze hier und kriege ... - Nein, ich kriege keine auf den Deckel! Es gibt keine Zeugen, keiner hat gesehen, dass er da gewesen ist! Ha! - Dann soll er sich von nun an selber um sich kümmern! Genau! ... und ich bin aus dem Schneider! Man soll es nicht glauben - so ein Glück! Ah, schon so spät! Jetzt richte ich noch schnell alles für die Dienstübergabe her und haue mich dann über die Häuser. Der Alte ist so lange ohne fremde Hilfe ausgekommen, da schafft er es sicher auch diesen Winter zu überstehen. Falls er sich hier wieder einmal blicken lässt, muss ich mich halt verstellen ... und eigentlich - gemein bin ich ja gar nicht zu ihm gewesen. Leicht hat er mir meinen Job wirklich nicht gemacht! ... er hat sich ausgeschlafen und ist danach abgezogen. Gut! Mir soll das recht sein, er ist alt genug! ... und eigentlich habe ich mich ja bemüht ihm zu helfen!

Wie hätte ich ihn anders behandeln sollen? Ach, ich sollte nicht so viel nachdenken. Warum ... ? Nein, jetzt ist Schluss ... keine Grüblerei mehr! - Wo liegt denn schon wieder meine Handtasche? Verdammt ...! Was? - Oh, wie süß ...! Das ist sie, ja das ist sie wirklich! Ambra, meine kleine Ambra! Ich habe nicht mehr geglaubt, sie jemals wieder zu sehen! Ambra ist wieder da ...! - Was ist denn das für ein Zettel? Mh, klebrig ... pfui! Was heißt das denn? Was ...?

Ich habe die Zeit ein wenig angehalten, habe geduscht - du hast Recht, es war schon notwendig - und meinen Bart geschnitten, ebenso meine Finger- und Zehennägel. Aber ich möchte dich jetzt nicht mit Details langweilen.

Betrachte lieber das Leben ein bisschen positiver als bisher, deine Hundedame soll dir dabei helfen. Du hast sie doch so sehr vermisst. Sie wird noch eine Weile bei dir bleiben. Nütze diese Zeit!

Vergiss bitte nicht: Nichts ist so, wie es zunächst erscheint. Frohe Weihnachten!

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Band 2
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ISBN 978-3-939937-03-6

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Eingereicht am
31. März 2007

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