Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Vorfreude

© Nina Pal Singh

Ich bin gerade im Begriff, die Plätzchen aus dem Ofen zu holen, als das Telefon klingelt. "Schrader", spreche ich mit einem Hauch Angenervtheit in die Muschel.

"Hallo mein Kind", ertönt die Stimme meiner Mutter. "Störe ich dich?"

Das ist die traditionelle Frage meiner Mutter, auf die ich stets antworte: "Nein, Mama, du störst nicht. Wie geht es dir?"

Und wie immer antwortet sie: "Gut, gut mein Kind. Ist bei euch alles in Ordnung?"

Ich gebe die Antwort: "Natürlich. Alles läuft wie immer. Wie geht es Papa?"

Und sie: "Hmm... Deinem Vater geht es gut."

Dieses sich ständig wiederholende Frage-und-Antwort-Spiel kostet mich regelmäßig zwei Minuten meines Lebens. Dann rückt sie raus mit der Sprache. Der Grund ihres Anrufs offenbart sich immer unmittelbar nach diesem Smalltalk. Heute will sie mir ein Rezept für das Weihnachtsessen diktieren.

Ausnahmsweise findet die Weihnachtsfeier in meinem bescheidenen Heim statt. Meine Eltern lassen ihr Haus gerade renovieren und obwohl sie die Renovierungsarbeiten so gut geplant haben und frühzeitig damit begonnen haben, werden sie bis Weihnachten nicht fertig. Meinen beiden Kindern, Lara und Leonie gefällt der Gedanke, zu Hause Weihnachten zu feiern. Auch mein Mann Thomas freut sich auf das Fest im eigenen Heim. Ich hingegen habe meine Bedenken. Meine Eltern sind liebe, aber sehr schwierige Menschen.

Meine Mutter wünscht sich jedes Jahr ein richtiges Weihnachtsfest. Sie möchte mit der Familie in die Kirche gehen, Weihnachtslieder singen, Geschenke auspacken und ein schönes Essen veranstalten. Mein Vater aber ist ein Weihnachtsmuffel. Für ihn ist es nicht wichtig, ob Weihnachten ist oder nicht. Die Hauptsache ist, die Familie ist mal wieder beisammen. Die Weihnachtsgeschenke, die für meine Mutter so wichtig sind, interessieren meinen Vater nicht im Geringsten. Seinetwegen muss ich kurz vor Weihnachten noch mal los und Geschenke in seinem Namen besorgen. Das ganze Jahr versucht er meine Mutter davon zu überzeugen, dass Weihnachten gefeiert werden kann, dass aber die Geschenke dieses Jahr ausfallen könnten. Er hofft auf ihre Einwilligung bis kurz vor dem Fest. Wenn er dann ein Einsehen hat, dass meine Mutter sich nicht bekehren lassen will, ist es meist schon ein oder zwei Tage vor Weihnachten. Dann drückt er mir einen Geldschein in die Hand und sagt: "Besorge bitte eine Kleinigkeit für deine Mutter."

Einmal wollte ich mir den Stress ersparen und kaufte vorsorglich ein Geschenk von meinem Vater für meine Mutter. Doch ausgerechnet in jenem Jahr hatte er ihr bereits selbst etwas besorgt und ich blieb auf den Kosten sitzen. Also schwor ich mir, nur auf Anweisung meines Vaters ein Geschenk zu beschaffen und lebe mit dem Stress.

Wenn wir bei meinen Eltern im Hause feiern, hat mein Vater die Möglichkeit, sich bei zu viel Weihnachtlichkeit zurückzuziehen. Dieses Jahr wird es aber schwierig. Unsere Wohnung ist gemütlich, aber klein. Die Mädchen teilen sich ein Zimmer, Thomas und ich haben ein kleines Schlafzimmer und Wohnzimmer und Küche sind eine Wohneinheit. Wohin soll mein Vater gehen? Das Kinderzimmer wird wohl bald von Lara und Leonie belagert. Sie interessieren sich nicht für Erwachsenengespräche und ich möchte sie nicht zwingen, am Tisch sitzen zu bleiben und sich zu langweilen. Nach dem Essen können sie in ihr Zimmer gehen und spielen. Bei ihren Großeltern haben sie die Möglichkeit auch, weil sie dort ebenfalls ein Zimmer haben. In unser Schlafzimmer wird mein Vater nicht gehen wollen, weil dort außer einem Ehebett nichts steht. Nicht einmal ein Fernseher. Den Fernseher im Wohnzimmer kann er nicht einschalten, weil meine Mutter ihre Weihnachtslieder singen will und sich mit uns unterhalten möchte. Vielleicht werde ich den Vorschlag machen, dass er mit den beiden Mädchen einen Spaziergang machen könnte. Dann bekommt er nicht die geballte Ladung Weihnachten ab.

Meine Mutter leidet sehr darunter, dass sie das Fest dieses Jahr nicht ausrichten kann und ruft mich deshalb jeden Tag mindestens einmal an. Ich bin inzwischen sehr wortkarg geworden und sage meist nur noch: "Ja, Mama." Auch jetzt, als sie mir ihr Weihnachtsessen diktiert. Ich schreibe mit, damit ich nicht ihre vorwurfsvollen Blicke ertragen muss, die sie mir zuwerfen würde, wenn ich mich nicht an ihre Rezepte halten würde. Ich bin zwar inzwischen selbst Mutter von zwei Kindern, aber meine Mutter lässt sich nicht davon abhalten, mich wie ein zwölfjähriges Kind zu behandeln. Ich notiere artig ihre Anweisungen und hänge ein. Ich gebe ein lautes "Ahhh" von mir, weil ich bemerke, dass die Plätzchen nun schwarz sind. Lara und Leonie kommen in die Küche gestürmt und fragen mich, was los sei. Wortlos zeige ich ihnen die Plätzchen und sie kichern. Meine beiden Mädchen sind 12 und 10 Jahre alt. Missgeschicke sind für sie noch humorvolle Begebenheiten des Alltags. Obwohl ich zunächst sauer war, muss ich jetzt aber in ihr Gekicher mit einstimmen. Ich mag diese Leichtigkeit, mit der sie viele Dinge sehen. Wir beschließen die Plätzchen zu entsorgen und gemeinsam ein neues Blech anzufertigen. Die Prinzessinnen, wie ich sie oft nenne, helfen mir mit einem Enthusiasmus, so dass ich mir wünsche, wir würden gemeinsam ewig Plätzchen backen.

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich ein kleines Mädchen war. Ich stand mit meiner Mutter um die Weihnachtszeit oft in der Küche und backte Plätzchen. Oftmals haben wir sie schon "gekostet", als sie gerade frisch aus dem Ofen kamen. Meine Mutter hat mir dazu eine schöne, große Tasse heißen Kakao gegeben. Alles roch nach Weihnachten und nach Zuhause.

Während ich hier mit meinen beiden Mädchen Plätzchen backe, sitzt meine Mutter vermutlich allein in ihrem Schlafzimmer und strickt. Mein Vater saust wahrscheinlich durchs Haus und kontrolliert emsig die Renovierungsarbeiten. "Arme Mama", denke ich bei mir. Ich frage die Mädchen, ob ich die Oma zum Backen einladen soll. Ein lautes, langgezogenes "Ja" überzeugt mich und ich verspüre eine ungeahnte Vorfreude aufs bevorstehende Weihnachtsfest.

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Eingereicht am
13. April 2007

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