Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Christbaum oder Swimming-Pool?

© Ursula Schmid-Spreer

"Heuer machen wir es einmal ganz anders! Weg vom Kommerz, weg vom Christbaum, Weihnachtsbraten und Geschenken. Wir geben das Geld für eine Urlaubsreise aus. Nun, was meint ihr?" Wir saßen gerade beim ausgedehnten Frühstücksbrunch, als uns der Haushaltsvorstand diese Eröffnung machte. Erwartungsvoll sah er uns an. Unsere beiden Kinder, 12 und 14 Jahre alt, blickten irritiert auf.

"Du meinst keine Geschenke? Wirklich kein einziges, klitzekleines Geschenkchen?", meinte Jenny.

"Stimmt, das Geld wird in eine Reise investiert und die kostet ja schließlich auch was. Stelle dir vor unter südlicher Sonne, Palmen, Meer, all inclusive, Eis so viel du magst ..."

"Ja, das machen wir, ist mal was anderes", unterbrach Kurt, unser 12-Jähriger. Er war gerade in der "No-Geschenke-Phase".

"Dann hat Mama auch weniger Arbeit", sagte meine praktische Tochter Jenny, "und wir müssen nicht wieder zu den Omas", sie war gerade in der "No-erweiterte-family-Phase".

"Au weia, das wird ein starkes Stück werden, wenn wir das den Großmüttern erklären, dass wir dieses Weihnachten nicht zuhause sind und "ein auf trautes Heim" machen wollen", warf Kurt noch ein.

Nach dem Frühstück ging die ganze Familie in die Stadt und buchte kurzfristig eine 10-tägige Reise nach Gran Canaria.

Die Adventssonntage gingen vorbei. Wir mussten uns keine Gedanken darüber machen, wer welches Geschenk erhalten sollte. Nur für die beiden Omas besorgten wir Konfekt und je einen Seidenschal.

Es war sehr kalt, wollte aber einfach nicht schneien. An jedem Platz wurden Christbäume feil gehalten, aus den Lautsprechern der Kaufhäuser dröhnte "jingle bells" und Nikoläuse spazierten auf und ab. Wie jedes Jahr waren die Menschen hektisch. Die Stadt war an den Samstagen überfüllt.

Der Tag der Abreise rückte näher. Gleichzeitig mussten wir den Omas endlich reinen Wein einschenken. Keiner hatte sich bisher getraut. Mein Angetrauter überließ diese ungute Angelegenheit mal wieder mir. Immer wenn es brenzlig wurde musste ich herhalten. Mit meiner eigenen Mutter konnte ich ja umgehen, aber seine Mutter musste man wirklich mit Glacehandschuhen anpacken.

Am 3. Advent luden wir zum Kaffee. Die Kinder hatte ich dazu verdonnert, die Zimmer aufzuräumen (damit es wenigstens da keinen Grund zur Klage gab) und Jenny verbot ich schlichtweg sich wie ein Gruftie zu kleiden und auf den schwarzen Lippenstift zu verzichten.

Die Omas waren pünktlich (wie immer) und begrüßten uns herzlich.

"Habt ihr noch gar keinen Christbaum? Na wenigstens einen weihnachtlichen Zweig hättet ihr schmücken können. Oh, hier riecht es aber gut. Hast du Stollen gebacken?"

Hatte ich nicht, das feste Zeug mit Orangeat und Zitronat mochte bei uns keiner und wurde nur hart. Ich war in der "no-back-Phase". Ein paar Scheibchen Stollen hatte ich beim Bäcker gekauft. Wie erwartet zog väterlicherseits-Oma einen Flunsch, weil ich nichts Selbstgebackenes vorweisen konnte.

Ich war es auch leid, mich rechtfertigen zu müssen. Immerhin war ich berufstätig und hatte neben dem Haushalt auch noch andere Verpflichtungen. Mein Angetrauter warf mir einen warnenden Blick zu. Schließlich wollten wir den Adventskaffee friedlich einnehmen und nicht gleich zu Beginn streiten.

Die Kinder waren ausnahmsweise mal mustergültig ruhig und brav. Sie beobachteten gespannt, wie wir uns aus der Affäre ziehen wollten.

Nachdem der (gekaufte) Kuchen vertilgt war und jeder mindestens zwei Tassen koffeinfreien Kaffee getrunken hatte, holte mein liebster Ehemann den süßen Sherry aus dem Barfach und goss großzügig ein. Er erhoffte sich wohl so eine aufgelockerte Atmosphäre.

"Räusper, hust, liebe Mama, liebe Schwiegermama", meinte er, "wir müssen euch etwas mitteilen." - Vater war jetzt in der "Sherry-aufgekratzt-jetzt-zeig-ich-es-euch-Phase" - "Wir möchten heuer einmal ein anderes Weihnachten feiern, ohne Stress, ohne Geschenke und ohne Hektik. Deshalb haben wir eine Reise in den Süden gebucht".

Betretenes Schweigen. Schnell fügte er hinzu: "Wir wollen das einfach mal ausprobieren, wie es ist im Süden Weihnachten zu feiern, einfach mal weg vom ..."

"Du musst dich nicht rechtfertigen, meinte seine Mutter spitz. Uns wolltest du wohl nicht dabei haben, oder?"

"Das ist auch eine Frage der Finanzen und so viel Geld wollten wir als Weihnachtsgeschenk für euch beide eigentlich nicht ausgeben." Nanu, mein Angetrauter gebrauchte Widerworte, (ob das am Sherry lag oder am vorher genossenen Kognak?) er gab seiner Mutter Paroli. So kannte ich ihn gar nicht.

Der Rest des Nachmittags verlief natürlich nicht mehr so harmonisch. Meine Mutter hüllte sich in Schweigen, man sah ihr an, dass sie beleidigt war und seine Mutter ließ kleine giftige Pfeile los. Ich konnte es den Kindern nicht verübeln, dass sie sich leise in ihre eigenen Zimmer verdrückten.

Die restlichen Tage vergingen schnell. Wir waren mit Packen beschäftigt. Des lieben Friedens willen, rief ich bei den alten Damen an und wünschte schöne Weihnachtstage. Mein Mann drückte sich um diese Aufgabe herum.

Landeanflug Gran Canaria. Als wir die gang way hinab stiegen, kam uns ein Schwall warmer Luft entgegen. Zum Glück hatten wir nur Anoraks an. Das Flughafenthermometer zeigte 28 Grad an. Bei Schneeregen waren wir abgeflogen und 4 Stunden später wischten wir uns den Schweiß von der Stirn.

Im Hotel war ein Plastikweihnachtsbaum aufgestellt, an dem rote Kugeln hingen. In den Zimmern standen Pinienzweige, auf denen Kerzen prangten. Schnell waren wir umgezogen, mit Sonnenmilch eingeschmiert und während die Kinder sich im Pool vergnügten, nahmen wir unseren ersten Drink an der Hotelbar zu uns.

"Aah schön, die Sonne, herrlich. Zuhause frieren sie sich jetzt den Hintern ab und wir haben hier fast 30 Grad", seufzte mein Mann wohlig.

Am Abend gab es ein Canarisches Büfett und eine Flamenco-Gruppe zeigte ihre Künste.

Am nächsten Tag wurden wir mit Stille Nacht, heilige Nacht geweckt. Den ganzen Tag über spielte die hoteleigene Musikanlage Weihnachtslieder. Es hörte sich komisch an, weil zwischendrin Gejohle und Gejuchze von den diversen sportlichen Aktivitäten der Gäste an unser Ohr drang.

Mein Liebster hatte sich einen deftigen Sonnenbrand eingefangen. Jedes Stückchen Stoff an seiner Haut veranlasste ihn zu Jammertiraden. Meine Familie murrte, als ich sie bat, sich etwas schicker anzuziehen. Schließlich war Christabend. Kurt maulte so etwas wie: "wir sind doch im Urlaub, warum muss ich mich da so aufbrezeln?"

Es herrschte eine eigenartige Atmosphäre beim Abendessen. Kellner eilten umher und füllten immer wieder die Gläser nach. Die Kinder wirkten müde. Kurti gähnte. Kein Wunder, er war den ganzen Tag am Pool herumgetobt. Die Animateure verkündeten über Lautsprecher, dass sie die Gäste mit einer Weihnachtsfeier unterhalten wollten. Um zahlreiches Erscheinen wurde gebeten.

Bei uns wollte nicht so recht Stimmung aufkommen. Jeder nippte an seinem Drink. Die Kinder zogen am Strohhalm und blubberten in die Gläser. Wir hatten uns ein Glas Rotwein geholt. Mehr oder weniger schwiegen wir uns an.

Nach einer Stunde meinte mein Ehemann melancholisch: "Jetzt würden wir Glühwein trinken"

Und Jenny fügte an: "Mama würde jetzt das Geschenkpapier ordentlich zusammen falten."

"Und ich würde mir die neue CD anhören, die ich sicherlich geschenkt bekommen hätte, wenn ...", meinte Kurt traurig.

Stattdessen saßen wir hier. Die Weihnachtsgeschichte auf Spanisch, brütend heiß und mit Sonnenbrand. Etwas fehlte, wie wir übereinstimmend feststellten. Schon sehr bald gingen wir Hand in Hand auf unser Zimmer.

"Ich möchte so gerne zuhause sein", sagte Jenny, "Bratäpfel futtern und deine Gans verputzen, Mama."

"Dicke Socken", warf mein Mann ein ...

"Und einen Rollkragenpulli", rief Kurt, "und die Großmütter sind auch so weit weg. Und Plätzchen essen, und den Christbaum hätte ich sogar geschmückt."

Der Himmel glitzerte unter spanischer Sonne.

"Macht mal die Augen zu", forderte ich meine Familie auf. "Nicht gucken, so jetzt dürft ihr sie wieder aufmachen".

Sie sahen mich mit staunenden Augen an. Kleine Päckchen lagen vor ihnen. Eine Kerze stand auf dem runden Campingtisch und eine Schale mit selbst gebackenen Plätzchen.

"Wir sind halt doch konventionelle Gewohnheitstiere", meinte ich schmunzelnd. "Wir brauchen die Kälte an Weihnachten, den Christbaum mit den Kerzen, stimmungsvolle Musik, Selbstgebackenes, die Omas, solange wir sie noch haben, das ganze stimmungsvolle Drumherum.

Wir wollen trotz alledem den sonnigen Weihnachts-Urlaub genießen, jetzt sind wir schließlich mal da. Aber nächstes Jahr, nächstes Jahr, versprochen - feiern wir zuhause!"

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Eingereicht am
13. April 2007

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