Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Schneegestöber

© Dirk Ganser

1

Dicke Wolken, bereit ihre weiße, schwere Last abzuwerfen, glitten durch den gräulichen Winterhimmel. Engelskissen kurz vor dem Ausklopfen. Der kalte Hauch des Windes gefror jeden Atemzug des alten Mannes zu einer dichten Dampfwolke vor seinem Gesicht.

Er sah ein wenig aus wie ein altes Dampfschiff auf Kurs durch die eisigen Nordmeere, als er sich seinen Weg durch einen kleinen Park in Köln erkämpfte. Mit jedem Schritt schwankte er ein wenig zur Seite, um seine Füße aus der kalten Umklammerung des pulverigen Neuschnees zu befreien. Ein alter Seebär auf dem Deck seines Schiffes bei rauer See. Bei diesem Gedanken zogen sich die buschigen Brauen des Mannes zusammen wie zwei Raupen vor dem Paarungstanz. Die tiefen Täler der Falten in seinem wettergegerbten Gesicht wurden noch etwas tiefer und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. Sein weißer langer Bart zuckte verdächtig. Aus der Ferne hörte er das typische Rauschen der Straßenbahnlinie 1. Sie befand sich auf ihrem eigenen Weg durch den verschneiten Grüngürtel, der Köln wie eine schützende Mauer umgab.

Der Mann drehte sich um. Einfach mal schauen ob es sich nicht doch gelohnt hätte zu warten und dann mit der Bahn nach Hause zu fahren.

Das Rauschen wurde lauter und, na klar musste ja so kommen, die Bahn fuhr ausgerechnet in Richtung Merheim! Sehnsüchtig schaute der alte Mann der Bahn nach. Die hellen, warmen Lichter, die aus ihren Scheiben drangen, wirkten wie Tore zu einer anderen Dimension. Dort drinnen saßen Menschen mit ihren eigenen Träumen und Hoffnungen, gefangen im Käfig ihrer eigenen kleinen Welt, und froren beim Blick nach draußen. Die meisten besaßen nicht mehr Glauben oder gar einen Blick für die Wunder des Lebens. Sogar die Jüngsten unter ihnen hatten keinen Platz in ihren Herzen für den Glauben an die großen und kleinen Wunder der Welt. Würde man einem dieser Kinder sagen, dass man die Engel Plätzchen backen sah, wenn der Winterhimmel glutrot leuchtete … Unglaube und Gelächter wäre die Antwort.

Da stand er nun. In der linken Hand einen Adventskranz, der wirkte wie der Lorbeerkranz eines gebeutelten Preisboxers. In der Rechten einen nicht mehr ganz so schweren Sack, der aussah wie ein schlaffer Sack voll Diebesgut. Achselzuckend drehte der Mann sich um, und setzte seinen Weg durch die Kälte fort. Traurig, traurig diese modernen Zeiten. Erfreut erblickte er eine Parkbank am Wegrand. Sie war ein wenig von den Ästen eines Baumes vor dem Schnee geschützt. Er hatte zwar heute noch eine ganze Menge zu erledigen, aber ein Päuschen in Ehren würde ihm wohl niemand verwehren.

Ächzend setzte er sich.

2

Weihnachten. Eigentlich eine Zeit voller Spannung, Glück und Vorfreude. Für Manni nur eine Zeit der Qual. Papa arbeitslos, Mama nur am Nörgeln, seine Schwester … na ja, wie kleine Schwestern eben so sind. Nervend. Lustlos, die kleinen Hände tief in den Taschen seines Parkas vergraben und den Kopf mit der idiotischen Mütze tief zwischen die Schultern gezogen, schlurfte er durch den Schnee.

Oh Mann! Er hasste diese Zeit! Manni wusste genau, was wieder ablaufen würde. Erst eine Bockwurst mit Kartoffelsalat, dann die erste Flasche Bier für den Alten, anschließend so was wie eine Bescherung. Kurz darauf würde seine Mutter wieder meckern sie sollten das Geschenkpapier nicht so zerknüllen, damit man es wiederverwenden kann, während Papa auf der Couch schnarchen würde. So laut, dass Manni glaubte, es würde irgendwann den Wohnzimmerschrank zersägen.

Irgendwo im Kino von Mannis Gedanken riss Bugs Bunny die Tür einer kleinen Hütte auf, und rief MERRY CHRISTMAS. Schnee wehte an dem Trickfilmhasen vorbei in den kleinen behaglich warmen Raum. Dort waren alle Freunde des Hasen versammelt und erwarteten voller Spannung die Bescherung. Verbittert schnaufte Manni durch die Nase, was ihn mit einer kleinen Nebelwolke ums Gesicht belohnte. Bescherung. Welch ein Wort. Ohne Geld keine Geschenke. Nur Frust. Ja, Geld müsste man haben. So wie die Eltern seiner Schulkameraden.

Das Bild in seinem Gedankenkino wechselte. Ein verschneiter Schulhof in der großen Pause. Mit leuchtenden Augen wurden Geschenke präsentiert. Der neue Game Boy, tragbare CD-Player, teure Pokemonschuhe … und dann der Blick aus tausend neugierigen Kinderaugen auf ihn. Sein betretener Blick nach unten. Auf ein paar Alditreter aus dem Angebot. Die Stimme eines Klassenkameraden. Der meinte es wäre weltbewegend, dass Manni genau diese Schuhe unter dem Weihnachtsbaum liegen hatte. Untermalt wurde diese Bemerkung natürlich vom vielstimmigen Gelächter der anderen Kinder. Bilder und Geräusche, die in seine Seele schnitten wie ein Skalpell durch Fleisch.

Weiter und weiter trugen ihn seine Kinderfüße durch den jungfräulichen Schnee der die Merheimer Heide mit seinem unschuldig glitzernden Mantel bedeckte. Er war zwar schon sieben Jahre alt und klug, aber trotzdem … manchmal wünschte er sich … Quatsch! Für so etwas war er schon viel zu erwachsen! Seine Faust kam langsam aus der Parkatasche zum Vorschein. In ihr lag sorgsam zusammengefaltet ein kleines Blatt Papier. Nein. Es war mehr als ein einfaches Blatt Papier. Es war Mannis Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Beschrieben in unsicheren, kindlichen Buchstaben war er eher eine magische Spruchrolle. Ein Job für Papa, ein neues Kleid für Mama, eine schöne Puppe für Steffie, und vielleicht eine Carrerabahn für ihn? Wäre das zuviel verlangt? Eine einzelne Träne rann über sein kaltes Gesicht. Kinderkram. Den Weihnachtsmann gab es nicht. Nicht für Kinder mit armen Eltern, wie ihn. Die Wolken wurden immer dichter, schienen bereit sich ihrer weißen Last zu entledigen. Der Wind wurde auch kräftiger. Würde wohl einen kräftigen kleinen Wintersturm geben, so mit Schneegestöber in dem man alle möglichen Gestalten zu sehen glaubte. Zeit in Richtung Heimat zu gehen fand Manni. Den Zettel in seiner Hand warf er achtlos neben sich. Er bemerkte nicht die Windböe, die den Wunschzettel davontrug wie das kleinste Segelflugzeug der Welt. Den Mann auf der Parkbank bemerkte er auch nicht. Seufzend, mit dichten, schwarzen Gedanken in seinem kleinen Kinderkopf machte er sich auf den Heimweg. Frohe Weihnachten.

3

Erschrocken schlug der Mann die Augen auf. Hatte er geschlafen? Verdammt, das Zwielicht des winterlichen Nachmittags wich langsam der Dunkelheit des Abends! War da ein Schatten vor ihm? Angestrengt schaute der Mann in das beginnende Schneegestöber. Eine leise Stimme ertönte. Sie glich in ihrem Klang feinster Seide, stark und doch sanft. "Ja, diese Zeiten sind traurig. Aber wer war zuerst da? Der Unglaube oder die Unlust? Glaube an dich und deine Kraft, dann glaubt man auch an dich. Du wirst gebraucht. Gerade jetzt in diesem Moment. Gehe hin und tue dein Werk." Was? Das sollte die Antwort auf seine Verbitterung über diese modernen Zeiten sein? Was war denn das für eine gequollene Ausdrucksweise? Doch da war etwas Vertrautes in dieser seltsamen Stimme. Etwas was ihn irgendwo in seinem Inneren, an einem längst schon vergessenen Ort in seinem Herzen, berührte. Sollte er es wagen? Langsam schloss der Mann die Augen und lauschte auf die Stimme seines Gefühls. Ja! Da war etwas! Plötzlich sprang der Mann von der Parkbank auf. Er hatte es gespürt! Ja, er wurde gebraucht. Genau in diesem Moment. Mit einer Elastizität, die sein offensichtliches Alter Lügen strafte, packte er seinen Sack und lief los. Er wusste nun was er zu tun hatte. Hallelujah!

4

Leise fiel die Wohnungstüre hinter Manni ins Schloss. Endgültig wie das Verschließen einer Gruft. Aus der Küche drangen typische Kochgeräusche. Im Wohnzimmer dudelte die alte Stereoanlage "White Christmas" von Bing Cosby vor sich hin. Natürlich im vertrauten Rauschen und Knacken das nur eine uralte, oft abgespielte Schallplatte ihr von sich gibt. Durch das Brausen der Dusche klang die Stimme seines Vaters, der seine eigene Version dieses Liedes schmetterte. Die ganze Wohnung war mit Weihnachtlichen Wohlgerüchen erfüllt. Manni stutze. Bing Cosby? Mama kocht? Papa singt? Es riecht mal nicht nach kaltem Rauch und Armut? Hier konnte doch irgendwas nicht stimmen! Wo blieb das Genörgel seiner Schwester, die sich lautstark darüber beklagte, dass ihre Windel mal wieder prall gefüllt war und dringend der Auswechslung bedurfte? Warum meckerte seine Mutter nicht rum das dass Geschenkpapier sich langsam aber sicher auflöse und sie dringend neues bräuchten? Zögernd ging Manni ins Wohnzimmer. Was er sah ließ ihm den Atem anhalten! Ein riesiger, vollbehangener Weihnachtsbaum nahm fast die halbe Fensterfront für sich ein. Unter dem Baum stapelten sich bunt verpackte Kartons in allen möglichen Größen, Formen und Variationen umhüllt von glitzerndem von Geschenkpapier. Seine Schwester saß bei seinem Onkel Ludwig auf dem Schoß und brabbelte vergnügt vor sich hin.

"Hi Männi. Merry Christmas." Außer einem gehauchten "Ääääh … hallo Onkel Ludwig. Ich dachte du bist in Amerika?" brachte Manni nichts heraus.

Onkel Ludwig, so erfuhr Manni später an diesem Weihnachtsfest, hatte erst vor kurzem davon erfahren das sein Bruder arbeitslos war. Ein Dipl. Ing. und seit zwei Jahren ohne feste Anstellung! Onkel Ludwig sprach bei seinem Chef vor der sich sofort bereit erklärte seinem Bruder eine Stelle in der deutschen Niederlassung des Unternehmens anzubieten. "Well, isch dachte mir das ihr wohl kaum genug Money for Geschenke haben würdet. Also habe isch heute Morgen nach meiner Ankunft noch schnell something gekauft." sprach Onkel Ludwig und lehnte sich genüsslich zurück um das Fest zu genießen.

Ein Job für Papa, ein Kleid für Mama, eine Puppe für sein Schwesterchen … und für Manni gab es auch eine Carrerabahn.

Draußen heulte der Wind sein eisiges Lied. Die Schneeflocken tanzten ihren Tanz. Es war Weihnachten. In der Ferne war ein seltsames Gelächter zu hören. HOHOHO

5

Am nächsten Tag fand ein Spaziergänger die erfrorene Leiche eines alten Mannes. Er saß auf einer Parkbank in der Merheimer Heide. Neben ihm lagen ein zerzauster Adventskranz und ein alter geflickter Leinensack. Offenbar war der Mann ein einsamer Rentner gewesen, der vom Schneesturm der letzten Nacht überrascht worden war. In seinen Händen hielt er ein kleines Blatt Papier, das sorgfältig mit bunten Buchstaben, in unsicherer Kinderschrift gefüllt war.

Auf seinen Lippen lag ein Lächeln.

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Eingereicht am
01. Juni 2007

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