Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Wie ich Max, meinem kleinen Kater erklärte, was Weihnachten ist

© Claudia Schneider

Manchmal holt uns unsere Kindheit ein. Wir sollten jedoch darauf Acht geben, dass sie uns nicht überholt und wir ihr dann pausenlos hinterherrennen.

Tja Max, da ist nun also wieder einmal Weihnachten. Schrecklicher Gedanke. Aber es ist Dezember und da muss es wohl so sein.

Weih-nach-ten. Wie das klingt. Man muss es einmal ganz langsam aussprechen. Wie schnell wird daraus ein Weh-nacht-en.

Zu Weihnachten kommen die Erinnerungen hoch. Ob man will oder nicht. Oh ja, früher, da war es schön. Als ich noch ganz klein war, und mein kleiner Bruder noch kleiner, da war es am weihnachtlichsten. Da war Weihnachten noch so richtig spannend. Schon am Tag vorher kam die Oma zu uns. Am 24. waren wir bereits früh kaum noch zu bändigen. Irgendwann endlich gab es die Gemüsesuppe, will sagen, es war endlich Mittag. Dann war das Wohnzimmer für uns tabu, weil dort der Weihnachtsmann arbeitete. Wahrscheinlich glaubte ich das schon damals nicht mehr, aber etwas geheimnisvoll war es schon. Nach einem Mittagsschlaf (eine quälende Stunde wach im Bett liegen) ging es raus in den Wald. Die Oma hatte zuvor schon Gemüsereste, wie Möhren, Kohl und Sellerie in eine Tüte gepackt. Schließlich sollten die Tiere im Wald auch merken, dass Weihnachten ist. Für die Rehe war sogar auch etwas Salz dabei. Mit Begeisterung suchten Torsten und ich die Plätze aus, wo wir unsere Gaben aufbauten. Da wurde ein Baumstumpf vom Schnee befreit (als ich Kind war, schneite es noch im Winter), dort ein Kohlstrunk in eine Astgabel gesteckt.

Mit kalten Fingern und roter Nase kamen wir wieder zu Hause an. Im Kinderzimmer wurden wir hübsch gemacht. Es war ja Weihnachten. So langsam schien sogar die Oma aufgeregt zu werden. Beim Zuknöpfen meiner feinen weißen Bluse hatte sie sich dreimal verknöpft.

Nach langer, langer Zeit ertönte im Flur der Wohnung eine Glocke. Es war so weit. Zögernd verließen wir das Zimmer. Und dann sahen wir ihn schon durch die offene Tür, den leuchtenden, strahlenden Weihnachtsbaum. Darunter lagen die Geschenke, auf der linken Seite für mich und rechts für meinen kleinen Bruder. Dann wurde ausgepackt und gespielt und gelesen. In einem Jahr bekam ich sage und schreibe elf Bücher. Das war klasse! Oma saß den ganzen Abend im Sessel, schaute zu und freute sich. Ich verstand damals nicht, warum sie denn nicht auch etwas auspackt. Nachdem alles von dem Wunder des Geheimnisvollen und Neuen befreit war, war Weihnachten eigentlich auch schon zu Ende. Der Baum glänzte zwar noch, aber nicht mehr so zauberhaft.

Im nächsten Jahr konnte Oma nicht mehr kommen. Sie war im Sommer gestorben. Meine Eltern hatten aber eine tolle Idee, wie sie uns Kinder trotzdem ab dem Mittagessen aus dem Wohnzimmer heraus halten konnten. Irgendwann war die Idee da, dass wir beide doch ein Weihnachtsprogramm gestalten könnten. Wir protestierten: "Und wenn wir einen Fehler machen?" "Der Text weg ist?" "Und singen können wir sowieso nicht!" Doch es gab ja moderne Technik. Wir wurden also trotz anfänglichem Protest mit Kassette, Recorder und Mikrofon in unser Zimmer gesteckt und machten uns letzten Endes sogar mit Begeisterung ans Werk. Wie die Weltmeister lasen wir aus Lesebüchern vor oder spielten auf der farbigen Kindertriola, streng nach Noten. Rot, grün, blau, blau, gelb, so könnte es gewesen sein.

Kaum waren wir fertig, steckte Mutti den Kopf zur Tür hinein: "Vati geht jetzt noch in die Badewanne." Das galt für uns als Vorwarnung. Er hatte sich bestimmt beeilt, denn kurz darauf ertönte die Glocke im Flur. Und wieder drang das Leuchten des Weihnachtsbaumes, tausendfach gespiegelt in der frisch geputzten Brille meines Vaters und den glänzenden Augen meiner Mutter, tief in meinen Bauch. Oder gar ins Herz? So genau weiß ich das nicht mehr.

Nun wurde unsere Kassette abgespielt. Das war schrecklich. Sich selbst zu hören, wäre ja gerade noch gegangen, aber unser Programm dauerte so lang! Warum um Himmels willen habe ich mir nur diese nicht enden wollende Geschichte ausgesucht? Jetzt saß ich hier im Sessel und musste beinahe eine halbe Stunde die unausgepackten Geschenke anschauen. Und zu auffällig wollte ich ja auch nicht gucken, schließlich ist Weihnachten ja nicht nur ein Fest der Geschenke. Trotzdem konnte ich mir manch vergleichenden Blick nicht verkneifen. Ach, und da war ja auch mein Geschenk für Torsten. Mutti hatte es also nicht vergessen und unter den Baum gelegt. Und die selbstgeschnitzten Zahnstocher für Vati? Ach ja, die lagen auch da. Aber der Kalender für Mutti? Hatte Vati den etwa vergessen? Ach nein, da hinten war er ja. Endlich war auch die Kassette zu Ende. Jetzt aufspringen und die Pakete aufreißen! Nein, so ungebremst konnte ich Weihnachten nie erleben. Immer sittsam, langsam und bedacht. Und Schleifen werden nicht zerschnitten sondern aufgeknotet. Man kann sie ja noch mal verwenden.

Oft hatte ich das Gefühl, nicht richtig dankbar zu sein, oder besser gesagt, meinen Dank nicht richtig zu zeigen. So sehr ich mich auch über das ein oder andere freute, ich habe es nie geschafft, meinen Eltern aus Dankbarkeit um den Hals zu fallen. Ich habe es bis heute nicht gelernt, obwohl man das doch in so vielen Filmen sieht.

Zum Abendbrot gab es wie jedes Jahr Wiener Würstchen und Kartoffelsalat. Und alle tranken wir aus wertvollen Bierkrügen der väterlichen Sammlung. Aber ach, schnell hieß es "Vorsicht!" "Zerbrechlich!" Und: "Warum ist denn da ein Deckel dran, wenn du ihn gar nicht zu machst?" Ach ja, Weihnachten.

Ein paar Jahre später hatten wir noch mehr Technik im Haus, nämlich einen zweiten Fernsehapparat. Der stand im Kinderzimmer. Und das Kinderfernsehen brachte am 24. Dezember auch ein ganz gutes Programm. Als Mutti am späten Nachmittag zu uns hereinschaute und wieder einmal sagte: "Vati geht noch in die Badewanne.", sagte mein kleiner Bruder: "Aber der Film dauert doch noch eine dreiviertel Stunde." Ich dachte es bloß. Ich als die Große war schon klüger, und nicht mehr so ehrlich. Der Blick meiner Mutter ließ uns schnell sagen: "Aber das ist ja nicht so wichtig."

Und dann wieder Glocken und wieder der Baum. Hätte ich langsam darüber erhaben sein sollen? Es war, als verkröchen sie Wut und Streit der Teenager-Zeit vor diesem Licht in die hinterste Ecke des Zimmers. Und das ist doch nun wirklich einmal etwas Besonderes.

Der 24. Dezember ist der Tag im Jahr, an dem es keinen Streit gibt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das Höchste der Gefühle sind vorwurfsvolle Blicke.

Im nächsten Jahr wollte ich das ausnutzen. Ich war im sogenannten Flegelalter und die unausweichlichen Probleme mit den Eltern stellten sich ein. Ich packte damals alle meine Probleme in eine Weihnachtskarte und damit auf den elterlichen Gabentisch. Diesmal schaute ich gespannt zu, als sie auspackten. "Muss so was denn zu Weihnachten sein?" "Kann man darüber nicht reden?" Ich wollte schreien: "Wann denn sonst!" "Wie denn?!" . Dann zuckte ich aber nur stumm mit den Schultern. Es war Weihnachten und der Baum strahlte, und die Sache war damit vergessen.

Erinnerungen an Weihnachten. Letztes Jahr. Ich schrieb gerade an meiner Diplomarbeit und sollte wohl überhaupt langsam erwachsen sein. So dachten wohl auch meine Eltern. "Und wer schmückt heute den Baum?", fragte Vati bei der Gemüsesuppe zum Mittag. Ich war fast erschrocken. Was sollte das? Und das Wohnzimmerverbot? "Hab dich nicht so", empfahl mir meine Mutter. Zum Glück gelang es mir, mich zum Kartoffelsalat-Zubereiten einteilen zu lassen. Den Blick ins Wohnzimmer verbot ich mir eben selbst. Es war ein komischer Weihnachtsnachmittag. Da ist man endlich erwachsen, aber wo bleibt die Freude darüber? Na wenigstens die Glocke gab es noch. Und der Baum? Also ich muss schon sagen, der Torsten hat das fein hingekriegt. Unser Baum sah so schön aus wie jedes Jahr. Und auch das Licht war o.k. Vielleicht sollte ich mich wirklich nicht so haben.

Nach den Wienerwürstchen mit Kartoffelsalat sahen wir uns einen Film im Fernsehen an. Ein netter Film, wirklich! Dann mussten wir alle spazierengehen, um von der Telefonzelle aus die Verwandten anzurufen und fröhliche Weihnachten zu wünschen. Alles in allem war es ganz nett.

Ach Max. Trotzdem habe ich Angst vor diesem Weihnachten. Dieses Jahr bin ich zuhause ausgezogen. Mein Kinderzimmer gibt es nicht mehr. Wo soll ich hin, wenn ich allein sein möchte? Wie wird wohl alles werden? Fernsehen bis zur Bescherung? Fernsehen danach? Ein Baum - kein Baum? Dieses Jahr müssen wir auch gar nicht mehr vor die Tür. Wir, nein meine Eltern, haben jetzt selbst ein Telefon.

Ach Max. Ich hab' solche Angst. Aber ich freue mich auf die Gemüsesuppe mit Eierstich und saftigem Rindfleisch.

Und ich freue mich auf den Schock, wenn du aus meiner Reisetasche krabbelst.

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Eingereicht am
29. März 2007

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