Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eine besondere Begegnung

© Julia Lewenhard

Sie rannte hastig die Treppen hinunter, nahm mehrere Stufen gleichzeitig und riss die Eingangstür auf. Mit einem Schlag strömte die Kälte dieses eisigen Dezembertages in ihr Gesicht. Sie lief hinaus auf die menschenleeren Straßen. Sie lief und lief ohne jegliche bewusste Orientierung und doch spürte sie ihr Ziel ganz tief in ihrem Herzen, dort wo es so unendlich wehtat, dort wo sich Liebe und Hass, Trauer und Wut kämpfend gegenüberstanden.

Es war der 24. Dezember, der Heilige Abend, an dem hinter fast jedem Fenster eine kunstvoll geschmückte Tanne die warmen Stuben sanft erhellt. Der Abend, an dem glückliche Familien gemütlich beieinander sitzen, ihre liebevoll ausgesuchten Geschenke austauschen und gemeinsam diesen Abend genießen oder an dem die Familien, die schon lange nicht mehr glücklich miteinander sind, sich darum bemühen, so zu tun als seien sie es.

Während sie, gejagt wie ein verletztes Tier, welches mit seinen letzten Kräften noch versucht sich in Sicherheit zu bringen, weiter lief, nahm sie dieses Schauspiel, welches sich hinter den Hausfassaden abspielte, nur am Rande wahr. Sie wusste, dass sie da waren, diese und jene Familien und sie wusste auch, dass sie nicht mehr dazu gehörte. Für sie war es das erste Weihnachten, welches sie ohne ihren über alles geliebten Vater verbringen musste. Diese Tatsache zerschmetterte ihr das Herz und verursachte tief in ihrem Innern eine unglaubliche, schmerzerfüllte Leere. Es war als würde es ihr die Brust zerreißen, sie wollte schreien, einfach laut schreien, doch es ging nicht, es war wie in einem Alptraum, in dem man um Hilfe schreien will und trotz größter Anstrengungen keinen einzigen Ton heraus bekommt.

Kurz vor ihrem Ziel schien es, als schnürte sich ihre Kehle zu, sie versuchte die eisige Luft tief einzuatmen und schleppte sich mit gebeugten Oberkörper die letzten Schritte voran, bis sie sich schließlich einfach fallen ließ.

Zusammengekauert wie ein Embryo im wohlbehüteten Bauch seiner Mutter lag sie nun auf dem gefroren Erdboden. Sie war wie in Trance, weggetreten und zusammengebrochen unter den Gefühlen, die sie seit Wochen plagten. Unter ihrem erhitzen Körper fing der Schnee zu schmelzen an und die Feuchtigkeit drang durch ihre dünne Seidenbluse. Sie trug nicht mehr als diesen Fetzen feinen Stoff und eine dünne Baumwollhose. Die Kälte, die langsam in ihr aufstieg, spürte sie nicht, denn sie war wieder bei ihm und erinnerte sich tief in ihrem Innern an die Wärme, die er ihr zeit ihres Lebens gegeben hatte. Sie spürte seine Hand, die leicht ihre Stirn streichelt, so wie er es immer getan hatte, wenn sie tief traurig war. Gleichwohl hörte sie immer noch den Klang seiner Stimme wie er zu ihr sprach: "Weine nicht mein Kind, es wird alles wieder gut". Er war ihr so nah, die Erinnerungen an ihn so genau, als ob er wirklich bei ihr wäre. Wie sollte sie da begreifen, dass er nie wieder kommen wird, dass er nie wieder seine Hand auf ihre Stirn legen würde? Wie sollte sie dies begreifen? Wie sollte sie begreifen, dass nur wenige Meter unter ihr der leblose Körper ihres Vaters liegt? Der leblose Körper eines Menschen, der so viel für sie getan hat, der so viel Liebe geben konnte und der nur durch seine bloße Anwesenheit all ihren Kummer vertreiben konnte. Wieder spürte sie den Schmerz in ihrer Kehle aufsteigen. Er bahnte sich seinen Weg vom Herzen hinauf, sorgte dafür, dass jedes Schlucken schmerzhaft wurde und trieb ihr die Tränen in die Augen.

Wochenlang hatte sie gegen die Trauer gekämpft und versucht stark zu sein. Zu stark für die Last, die seit Jahren auf ihren und auf den Schultern ihrer Eltern lag. Gemeinsam hatten sie gekämpft und nach jedem Niederschlag, den die Krankheit ihnen bot, haben sie ihre letzten Kräfte wieder gesammelt und sind erneut in die nächste Schlacht gezogen, immer mit der Hoffnung, dass sie doch noch eine Chance hatten und den Krebs besiegen würden.

Doch nun war der Zeitpunkt gekommen, in dem sie der Wahrheit ins Gesicht blicken musste. Heute an diesem Abend hatte sie die Wahrheit überwältigt und sie nahm ihr jegliche Kraft, um die Stärke zu entwickeln, die sie so dringend brauchte, um diesem irdischen Leben noch irgendetwas Positives abzugewinnen.

Ihrem Schmerz hingegeben, nahm sie nicht wahr, dass sie jemand seit einiger Zeit beobachtete.

Ein grauhaariger, bärtiger, fülliger Mann, gekleidet in alter zerschlissener Winterkleidung näherte sich ihr und legte behutsam eine wärmende Wolldecke über sie. Sie erschrak nicht, denn dazu war sie zu schwach. Langsam hockte er sich neben sie in den Schnee und schaute sie an. Sie spürte seinen Blick, doch es war ihr egal, sie war wie betäubt, zu betäubt um irgendein Gefühl der Angst oder Furcht zu entwickeln.

Es war still um sie und das einzige, was sie hörte, war ihr Herzschlag und das Blut welches durch ihre Adern strömte. Im Innern dachte sie nur daran, wie schön es wäre, wenn ihr Herz doch einfach aufhören würde zu schlagen, denn dann wäre sie endlich bei ihm und dieses grausame Leben hätte ein Ende.

Nach einiger Zeit erhob sich der Fremde und durchbrach das Schweigen.

"Komm mit mir, ich bringe dich an einen warmen Ort." Er streckte ihr die Hand entgegen und zog sie hoch.

Etwas benommen und steif vor Kälte humpelte sie zunächst unbeholfen neben ihm her, eh sie wieder normal gehen konnte. Ohne auch nur ein Wort zu wechseln folgte sie dem Mann.

Sie gingen eine Weile des Weges, bis sie sich nach geraumer Zeit einem abgelegenen, maroden Fabrikgelände näherten. Um sie herum war es düster, doch nicht weit von ihnen entfernt schien ein warmes Licht aus einem der zerschlagenen Fabrikfenster. Je näher sie dem Licht kamen, desto lauter wurden die Geräusche die aus dem Gebäude strömten. Es schienen viele Menschen dort zu sein.

Ihrer Niedergeschlagenheit und Traurigkeit wich die Neugierde. "Was ereignet sich wohl hinter diesen Mauern, auf welche Menschen würde sie treffen?"

Etwas schüchtern blieb sie vor dem zerfallenen Eingang stehen und beobachtete konzentriert, was sich dort vor ihren Augen abspielte. Zahlreiche Menschen füllten den Raum und standen in Trauben beieinander. Einige sangen zu Weihnachtsliedern die aus einem alten Weltempfänger ertönten, andere wiederum saßen auf halb zerfallenen Campingstühlen oder Baumstumpen und schlürften warme Getränke oder Suppe, die sie aus einem übergroßen Kochtopf schöpften.

"Komm rein, hier ist es warm." Sprach der alte, bärtige Mann und deutete mit einer Kopfbewegung auf eine ausgediente Gartenbank. "Setz dich, ich hole dir etwas Warmes zu Essen."

Hier im Schein des flackernden Feuers sah sie das erste Mal das Gesicht des Fremden, dem sie einfach hierher gefolgt war. Irgendetwas an ihm kam ihr bekannt vor. Während sie ihm nachblickte, überlegte sie, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen hatte. Natürlich! Sie erinnerte sich, es war der Obdachlose, der immer auf dem Lüftungsschacht vor dem Krankenhausparkplatz, eingewickelt in eine Decke, auf Zeitungspapier und Pappe gesessen hatte. Während der Zeit, die ihr Vater dort im Krankenhaus verbrachte, traf sie ihn mehrmals täglich, wenn sie auf ihrem Weg zum Auto war. Er fiel ihr gleich bei dem ersten Krankenhausaufenthalt vor ein paar Jahren auf. Sie hatte Mitleid mit ihm und fühlte sich schuldig, wenn sie ihrem Vater seine Lieblingsgerichte mit ins Krankenhaus brachte und er dort in der Kälte ohne etwas zu essen saß. Einmal überwand sie ihre Scheu und bot ihm etwas an, doch er lehnte dankend ab.

Mit gesenktem Kopf kam er auf sie zu und reichte ihr einen Teller Suppe und ein Stück Brot. Es schien, als schäme er sich für etwas oder als wollte er sein Gesicht verbergen. Sie spürte eine gewisse Unsicherheit in seinem Verhalten und versuchte daher sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihn erkannt hatte.

Schweigend saßen sie nebeneinander, während sie langsam die Suppe löffelte. Diese warme Mahlzeit tat ihr gut. Es war, als würde sie mit jedem Löffel Wärme, den sie in sich aufnahm zu neuen Kräften kommen und sich das Durcheinander in ihrem Kopf langsam klären. Je deutlicher ihre Gedanken wurden, desto stärker drängte sich ihr die Frage auf, was sie dazu gebracht hatte, in dieser dunklen Nacht ohne jegliche Furcht einem wildfremden Mann zu folgen. Irgendetwas an diesem Fremden ließ sie spüren, dass sie keine Angst zu haben brauchte, etwas Vertrautes ging von ihm aus.

"Was hast du denn da für eine süße, kleine Maus mitgebracht?"

Eine füllige, ziemlich laute Gestalt quetschte sich neben sie auf die Gartenbank. Sie trug einen kunterbunten, wadenlangen Mantel im Patchworkstil, welcher ihre üppigen Formen nicht unbedingt vorteilhaft betonte. Ihr Gesicht verschwand zur Hälfte unter einer dicken roten Wollmütze, auf der ein voluminöser Bommel bei jeder ihrer Kopfbewegungen mitschwankte. Das was man von ihren Haaren erkennen konnte, lockte sich aschblond unter der Mütze bis auf ihre Schultern.

"Ein Teller Suppe reicht bei diesem mageren Würstchen wohl nicht. Was bist du denn für ein lausiger Gastgeber, Alfred? Heute ist Heilig Abend und da wird ganz besonders alles geteilt, was unsere bescheidene Hütte hergibt."

Mit einem Schwung stand sie auf und unter dem Gewichtsverlust machte die Gartenbank einen nicht unbedenklichen Schwenker nach hinten. Mit großen Schritten bewegte sie sich in Richtung Kochtopf und kam mit zwei prall gefüllten Papptellern wieder. "Hier, jetzt haut mal richtig rein. Ich hab euch einfach drauf gepackt, was da war."

Mit einem verschmitzen Lächeln auf den Lippen schauten die beiden sich an und lachten lauthals los. "So ist sie! Unsere Lisbeth", sagte der Fremde.

"Ja so bin ich…fit und fröhlich das ganze Jahr und heute ganz besonders, weil es weihnachtet …juppy du." Beschwingt summte sie vor sich hin und drehte sich genüsslich um die eigene Achse. Wie ein junges Mädchen tänzelte sie freudestrahlend an den anderen vorbei, hob die Arme und sang nun alle Weihnachtslieder, die ihr Repertoire hergab, quer durcheinander.

Angesteckt durch die Glückseligkeit, die von dieser vergnügten Person ausging, fingen alle Anwesenden an, sich im Takt der Musik mitzubewegen. Sie hakten sich unter die Arme, egal ob dick, groß, dünn, klein, hell oder dunkel, alle schmetterten die Weihnachtslieder mit, die immer noch aus einem bloß winzigen Weltempfänger strömten. Es entwickelte sich eine unbeschreibliche Stimmung und sie feierten dieses besondere Fest alle gemeinsam, bis tief in die Nacht.

In den späten Morgenstunden des 25. Dezembers, als die Sonnenstrahlen sich sanft ihren Weg durch die verschneiten Bäume bahnten, wurde sie langsam wach. Vom winterlichen Sonnenschein geblendet rieb sie sich müde die Augen. Nachdem sie etwas zu sich gekommen war, schaute sie sich um. Wo war sie? Wie war sie hierher gekommen? Langsam legte sie die Wolldecke beiseite, erhob sich und ging einige Schritte durch das alte, verlassene Fabrikgebäude.

Sie schaute durch das zerschlagene Fenster und bewunderte das märchenhafte Schauspiel welches ihr der Winter bot. Jeder einzelne Eiskristall glitzerte im gleißenden Sonnenschein. Es schien, als ob die Erde mit Diamanten bedeckt sei.

Von diesem Anblick verzaubert stand sie einige Minuten regungslos dort, bis sie plötzlich in ihrem Augenwinkel, nicht weit entfernt von ihrer Schlafstelle, einen Gegenstand auf dem Boden entdeckte, der ihr bekannt vor kam.

Sie sank auf die Knie und nahm die silberne Taschenuhr, die vor ihr lag, ganz fest in ihre Hände. Es war die Taschenuhr ihres Vaters, die sie gleich an der besonderen Verzierung und an den Initialen ihrer Familie erkannte. Langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, als sie sich daran erinnerte, wie viel diese Uhr ihrem Vater immer bedeutet hatte. Ganz behutsam umfasste sie die Uhr und öffnete vorsichtig den Deckel. Schon als kleines Kind war sie fasziniert von diesem wunderschönen, einzigartigen Ziffernblatt, welches die eisige Schönheit der Antarktis widerspiegelte und speziell von einem Juwelier, nach den Skizzen ihres Vaters, angefertigt wurde.

Als sich ihre Augen geklärt hatten und sie sich die Uhr genauer anschaute, zeigte diese merkwürdigerweise genau das Datum und den Zeitpunkt an, an dem Ihr Vater für immer gegangen war. Doch dies war nicht das einzige, was sie verwunderte. In dem Deckel der Uhr befand sich eine Inschrift, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Nimm jeden Tag deines Lebens als Geschenk an und versuche das Beste aus ihm zu machen. Du trägst die Kraft in Dir, alles zu schaffen was Du Dir wünschst, erscheint Dir die Herausforderung auch noch so groß. Du wirst an ihr wachsen. Es gibt zahlreiche Menschen, die Deine Hilfe brauchen und die auch Dir weiterhelfen. Halte die Augen offen. Ich werde immer bei Dir sein, bis wir uns eines Tages wieder sehen.

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Eingereicht am
30. März 2007

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