Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Weihnachten im Bahnhof

© Claus Beese

Der kleine Bahnhof, in dem ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte, lag in einem kleinen Ort am Deister. Es war kein großes Dorf, aber es besaß außer einem zur damaligen Zeit viel genutzten Bahnhof eine weitere Sehenswürdigkeit: In dem Ort lag ein echtes Rittergut, welches etwa um 1300 erbaut worden war. Vielleicht war es ja auch umgekehrt, etwa in der Art, dass das Rittergut derer von Bennigsen um sich herum ein Dorf besaß, aber im zarten Alter von drei Jahren gehörte das nicht zu den Themen, die mich wirklich interessierten. Mein ganzes Streben ging dahin, zu wachsen und meine Umwelt spielend zu erfassen. Damit und mit allerlei Schabernack, dem Freunde und Verwandte durch meinen Forscherdrang ausgesetzt waren, sah ich mich auch in Gänze ausgelastet.

Es waren herrliche Sommer, damals in den 50er Jahren, die wir im Garten einer befreundeten Arztfamilie verbrachten. Ihr riesiges Grundstück lag unserem Bahnhof genau gegenüber und lud uns Kinder zum Spielen ein.

Immerhin waren wir zusammen derer sieben, und da brauchte man natürlich seinen Raum, sollte das Spiel nicht in Zank und Streit ausarten.

Unglaublich spannend waren die Ausflüge auf das Rittergut, auf das uns die Tochter des Hauses, eine Freundin meiner älteren Schwester aus der Schule, gelegentlich einlud. Dann stromerten wir durch den Park des gewaltigen Anwesens und stöberten in alten Pavillons und Gerätekammern, entdeckten die unheimlichsten Grüfte und Keller, Nischen und Winkel und gruselten uns auf das Schönste, immer in der Vorstellung, dass im nächsten Moment ein alter Ritter, sein Schwert schwingend, aus der Dunkelheit auftauchen könnte.

Nichts jedoch war so schön, wie die Zeit, in der rund um das Dorf die Arbeit auf den Feldern getan war, das Wetter auch allen anderen Arbeitern keine Tätigkeit mehr im Freien gestattete und die Welt sich langsam der beginnenden Winterruhe hingab. Irgendwann begann es zu schneien, dicht an dicht fielen die Flocken vom Himmel und deckten ein weißes Tuch über das ganze Land. Zwanzig, dreißig Zentimeter Neuschnee fielen in einer Nacht und brachte den Verkehr auf den Straßen vorübergehend zum Erliegen. Hochzeit für uns Kinder! Überall, an jeder Ecke, auf jeder Straße, wuchsen die Schneemänner aus dem Nichts. Wo gestern noch ein freies Fleckchen war, stand heute eine Schneehütte nach Eskimo-Art. Es war eine herrliche Zeit, so leise und gemütlich.

Nur in unserer Bahnhofswirtschaft ging es hoch her. Hier trafen sich allabendlich die, denen der Winter zwangsweise eine Arbeitspause verordnet hatte und die nun nichts weiter zu tun hatten, als sich in geselliger Runde die Zeit zu vertreiben. Vater stand wie gewöhnlich im Anzug hinter dem Tresen und zapfte für seine Gäste das Bier, während unsere Mutter in der Küche für das leibliche Wohl der Gäste sorgte. Es waren stets die gleichen Rituale, denn es waren auch stets dieselben Gäste. Manchmal war es schon nicht leicht, sie des Nachts zur Sperrstunde aus der Wirtschaft zu komplimentieren. Wohin sollten sie denn auch? Nach Hause? Wo war das? Auf den abseits gelegenen Höfen, wo weder Frau noch Kind auf sie warteten? Wo sie nur die stumpfsinnige Ödnis ihrer leeren Kammer empfing?

Nein, dann doch lieber hier in der warmen, freundlichen Gaststube im Bahnhof sitzen, mit Freunden lachen und es sich gut gehen lassen. Und doch, stets dann, wenn es am Schönsten ist, sollte man gehen. So sagt ein altes Sprichwort. Doch nichts hinderte einen daran, am nächsten Tag wiederzukommen um sich ein wenig geborgen und wohl zu fühlen.

Selbst am Heiligen Abend war die Gaststube geöffnet und erstrahlte im weihnachtlichen Glanz. Die Schänke war geschmückt mit Tannengrün, Lametta und brennenden Kerzen, und die Wirtsleute machten es ihren Gästen in der Schankstube schön heimelig. An diesem Abend waren die Zecher nicht ganz so laut, die Stimmung wohl feierlich, aber auch gedrückt. Noch war der Krieg nicht vergessen, der in viele Familien so schrecklich große Lücken gerissen hatte, und die Einsamkeit einzelner war an diesem Abend mehr als greifbar. Konnte man diesen Menschen die Tür vor der Nase verschließen? Sie aussperren und ihnen das Gefühl von Weihnachten vorenthalten?

Im ganzen Haus stieg die Spannung. Bei uns Kindern sowieso, denn durften wir sicher sein, dass unsere guten Taten im vergangenen Jahr die bösen so weit überstiegen, dass wir vom Weihnachtsmann mit einem Geschenk bedacht wurden? Mancher von uns hoffte inständig, der alte Mann im roten Mantel möge seine Brille verlegt haben, wenn er in seinem großen Buch nach den Einträgen schaute.

In dem Clubzimmer, neben der Schankstube gelegen und eigentlich den Vereinen für ihre Sitzungen vorbehalten, stand zum Fest der große Weihnachtsbaum, dessen Spitze stets bis zur Decke reichte. Silbernes Lametta hing von den Zweigen und spiegelte das Licht der Wachskerzen derart, dass der ganze Baum wie mit einem goldenen Schimmer überzogen ein mildes Licht verbreitete. Ein Strahlen und Leuchten ging von ihm aus, das die Augen nicht blendete, aber tief im Herzen ein Feuer entfachte und der Seele wohlige Wärme spendete.

Mit großen Augen traten wir ein, bebend vor Erwartung, und bestaunten den Weihnachtsbaum, der geschmückt war mit dem silbernen Lametta, goldenen und roten Christbaumkugeln und vielen Süßigkeiten, die uns von den Zweigen her anlachten. Mit leisem Kratzen begann der Plattenspieler "Vom Himmel hoch ..." zu spielen und alle fingen an zu singen. Niemand von uns bekam mit, was sich vorn in der Schankstube abspielte.

Still war es dort geworden, als das Weihnachtslied ertönte. Lang reckten sich die Hälse und die Augen versuchten, durch die angelehnte Tür zum Flur einen Blick in den Clubraum zu erhaschen. Taschentücher versuchten, tränenüberströmte Wangen zu trocknen. Alle Gäste waren aufgestanden und drängten sich vor dem Tresen, hinter dem die Tür in ein für sie unerreichbares Weihnachtsland führte.

Mein Vater machte eine einladende Kopfbewegung, legte aber gleichzeitig seinen Finger auf die Lippen. Leise, auf Zehenspitzen, tappten erwachsene Männer hinter die Theke, peinlich genau darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, das diesen heiligen Moment zerstören konnte. Leise schwang die Tür in unserem Rücken auf, während wir mit leuchtenden Augen vor dem Baum standen und wie hypnotisiert auf die darunter liegenden Geschenke schauten. Und genauso verzückt standen unsere Gäste in der offenen Tür hinter uns und wagten kaum zu atmen. Erst, als das Lied verklungen war und wir Kinder mit glühenden Gesichtern unsere Geschenke erhalten hatten, schob mein Vater die ganze Gesellschaft mit sanftem Druck wieder hinaus und schloss leise die Tür.

Draußen fiel sanft der Schnee vom Himmel und machte die Nacht hell und freundlich. Und wer ein feines Gehör hatte, der konnte das leise Schellen von Schlittenglocken vernehmen, das irgendwo vom Himmel her kam und scheinbar von Haus zu Haus wanderte, einen Moment verhielt, um dann zum nächsten schneebedeckten Dach weiterzureisen.

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Eingereicht am
30. März 2007

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