Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Und für jeden Menschen ein Wohlgefallen

© Reinhard H. Kludas

Am Heiligabend galt schon seit Jahren dasselbe Ritual. Unsere beiden Töchter, Helen und Karen, die inzwischen 14 und 16 Jahre alt geworden waren, suchten zwar nach ihrem eigenen Lebensstil, aber dieser Tag verband sie mit so vielen wundervollen Kindheitserlebnissen, dass sie in keiner Weise vom Liebgewordenen abweichen wollten. Auch dieser Heiligabend begann wie sonst, und doch sollte heute alles ganz anders werden. Nach dem gemütlichen Frühstück sortierten die beiden Mädchen den Baumschmuck, nicht ohne Bewunderung für die alten Stücke der Lauschaer Glasbläserkunst, während ich die stubenhohe Fichte auf den Ständer feststeckte und an ihren angestammten Platz zwischen die Fenster stellte. Aus dem Nebenzimmer erklang Bruchs Violinkonzert in g-Moll, das durfte beim Schmücken nicht fehlen. Als Karen die Lichterkette am Baum auf ihre Funktion überprüfte und alle Kerzen wider Erwarten brannten, klingelte es an der Wohnungstür. Unwillkürlich richteten sich alle Blicke dorthin. Ein Besuch zu dieser ungewöhnlichen Zeit? Die Mutter öffnete. Der Postbote! Den hatten wir nun gar nicht erwartet. Er überreichte ein Telegramm.

Die so gut begonnene Einstimmung auf diesen schönsten Tag im Jahr wurde jäh unterbrochen. Telegramme erregen immer die Gemüter, meist enthalten sie eine unangenehme Nachricht. Beängstigt schauten wir auf die Mutter, die das Telegramm öffnete und den Text vorlas: "Ich wünsche mir so sehr, Euch heute bei mir zu haben. Oma". Schweigen trat ein. Ich war der Erste, der die Sprache wieder fand, mir war Omas Gewohnheit, Wünsche zu äußern, vertraut: "Wenn die Oma eine solche Bitte ausspricht, geht es ihr nicht gut, vermutlich hat sich ihr Rheumaleiden verschlimmert, und sie möchte über die Feiertage nicht allein sein. Wollen wir ihr diesen Wunsch erfüllen?" In den Gesichtern der beiden Mädchen konnte man ihre Enttäuschung erahnen. Kein Tannenbaumschmücken. Kein festliches Karpfenessen, kein … Alle lieb gewordenen Traditionen aufgeben für die Hektik der Reisevorbereitung und die Anstrengungen der Fahrt auf der Autobahn, mit dem Trabant eine halbe Weltreise. Das war allerdings nur der erste Frust. In den traurigen Gesichtern war aber auch ihr Verständnis zu sehen, hatten sie doch ihre Oma sehr lieb. Die Mutter erinnerte an den Besuch der Oma im letzten Sommer, wie sie mit ihrem schon gebeugten Körper im Lehnstuhl saß und die Sonnenwärme ihren kranken Gliedern offensichtlich guttat, die Schmerzen linderte. "Ich fühle, sie braucht auch jetzt Wärme, unsere Wärme, und sehe die Hilfe suchenden Hände vor mir."

Der Schwester zunickend, erklärte Helen: "Wir machen ihr die Freude. Papa, du sägst vom Weihnachtsbaum die Spitze ab, die nehmen wir mit und schmücken sie mit Omas Kugeln. Aber was machen wir nur mit dem Karpfen?" Dafür wusste Karen einen Rat: "Den lassen wir in der Badewanne, Karpfen blau schmeckt auch nach dem Fest gut." Plötzlich war die gedrückte Stimmung verflogen, es war wieder weihnachtlich geworden, noch schöner als morgens, denn jeder wollte dazu beitragen, dass wir so schnell wie möglich abfahren können. Ohne die sonst üblichen Querelen bei der Reisevorbereitung waren wir in Windeseile bereit.

Schon nach der ersten Stunde Autobahnfahrt verspürten wir Hunger, und die Mutter reichte uns belegte Brötchen und gekochte Eier. Keine Zeit mehr für eine Rast auf einem Parkplatz. Mit diesem Picknickessen für unterwegs wurden so manche Urlaubsfahrten an die Ostsee lebendig und das immer noch stille Verlangen nach Karpfenessen und warmer Weihnachtsstube verdrängt. Als wir auf die stark befahrene Transitstrecke - so nannte man die vorgeschriebenen Verbindungswege zwischen West-Berlin und der BRD - in Richtung Magdeburg abzweigten, drehten sich die Gespräche nur noch um die Oma. Was wird sie wohl sagen, wenn wir vor der Tür stehen. Jeder malte sich den Überraschungsmoment aus und sah das glückerfüllte Gesicht der Oma vor sich. Selbst die besorgten Worte der Mutter, dass es mit der Gesundheit der Oma vermutlich schlechter steht, als wir ahnen, konnte diese freudige Stimmung nicht dämpfen. "Nur noch eineinhalb Stunden, dann …" Ich hatte den Satz noch gar nicht beendet, da veränderte der Motor seinen gewohnten Klang, er stotterte und brachte keine Leistung mehr, knappe 40 km/h waren möglich. Ich kannte die Ursache. Der Motor lief nur noch auf einem Pott, die Zündkerze eines Zylinders hatte sich verabschiedet. Das bedeutete, schnellstens einen Parkplatz ansteuern.

Unregelmäßigkeiten mit unserem guten Trabant waren nichts Neues, aber warum gerade jetzt, da jemand uns sehnlichst erwartet. "Das kriegen wir schon wieder hin," äußerte ich spontan optimistisch, ich wollte keine Bedrücktheit aufkommen lassen und hoffte, dass es mir gelingen wird, den Fehler zu beheben. Dennoch war ich mir darüber im Klaren, wenn ich es nicht schaffe, wird es problematisch. Mit einem Pannendienst am Heiligabend konnte man kaum rechnen. Wir waren kurz vor der Transitraststätte Ziesar, die ich gar nicht anfahren wollte, da man dort von den Kontrolleuren der Grenztruppen beobachtet und eventuell auch erfasst wurde. Aber uns blieb nur diese Möglichkeit. Wir zwängten uns in eine Parklücke zwischen zwei Pkw aus der BRD, es waren ohnehin fast ausschließlich Westfahrzeuge auf diesem Parkplatz. Die Handgriffe, die ich zu tun hatte, waren oft erprobt, die wichtigsten Werkzeuge und Ersatzteile immer griffbereit. Nachdem ich neue Zündkerzen eingesetzt hatte, startete ich, der Motor war inzwischen etwas abgekühlt, und meine Bemühungen schienen erfolgreich zu sein. Die Mädchen klatschten vor Freude in die Hände. Aber als ich losfahren wollte, setzte der eine Zylinder wieder aus. Nun wurde es ernst. Die Mutter, die auch ausgestiegen war, sah mich fragend an. Tief atmend zog ich die Schultern hoch. Die Hände hingen hilflos an meinem Körper herunter, und mein verzweifelter Blick traf die nochmals geöffnete Motorhaube.

Das musste wohl der Fahrer des uns gegenüber stehenden West-Busses beobachtet haben. Er näherte sich zögernd und blieb in angemessenem Abstand vor uns stehen. Westkontakt, durchfuhr es mich, ist mir als Mitarbeiter einer wissenschaftlichen Einrichtung der DDR untersagt. Nicht die Angst, man könnte in eine unangenehme Situation geraten, hielt mich in erster Linie zurück, sondern ich wollte die unterschriebene Verpflichtung einhalten. Auch der Fahrer muss für einen Moment überlegt haben, bevor er einen Schritt näher kam, dann aber ohne Berührungsängste fragte: "Zweitakter?" Ich nickte. "Wo sind denn die Unterbrecher?" Die Natürlichkeit in seinem Verhalten beeindruckte mich, es entstand Vertrauen. Ich vergaß den Westkontakt und sah nur noch den Helfer, vielleicht den rettenden Engel in der Not. Ohne weiter nachzudenken, zeigte ich auf die Stelle neben dem rechten Rad. Während er sich bückte und den Kasten öffnete, holte ich den gewünschten Schraubenzieher. Er kniete sich hin, ich wollte eine Decke holen, aber er wehrte ab. Nachdem er an zwei Schrauben gedreht und kräftig zwischen den Unterbrecherkontakten gestochert hatte, legte er mir den Schraubenzieher in die Hand zurück. "Und nun versuchen Sie mal." Der Motor sprang auf Anhieb an und hatte seinen vertrauten Klang. Mir fiel ein Stein vom Herzen, und in den Gesichtern meiner Drei erstrahlte Zuversicht. So selbstverständlich, wie er gekommen war, verabschiedete er sich - ohne weitere Erklärungen. "Haben Sie Glück und gesegnete Weihnachten." Ich spürte Sympathie. Als ich ihm die Hand gab, dankte ich mit einem freundlichen Lächeln, und wohlwollend erstrahlte es zurück.

Freilich froh, dass wir weiterfahren konnten, aber innerlich sollte ich nicht zur Ruhe kommen. Das sonst übliche Wohlbehagen zum Heiligabend konnte ich nicht wieder gewinnen. Mit dem soeben Erlebten hatten sich Widersprüche aufgetan, die mich aufwühlten: Warum sollte ich die Hilfe, die mir ohne Vorbedingung gewährt wurde, nicht annehmen? Aus dem Gefühl hielt ich es für richtig, mich so verhalten und nicht nach Verordnungen gefragt zu haben. Mein weiteres Sinnen wurde unterbrochen, als Karen sich vorbeugte. "Papa, das war aber nett von dem Mann, dass er uns geholfen hat, obwohl er gar nicht aus der DDR kommt." Mit einer solchen Rückwirkung hatte ich nicht gerechnet, im Grunde mit gar keiner. Soeben glaubte ich noch, die Episode auf dem Parkplatz abschließen zu können. Nun kam nicht vorhersehbar ein neues Problem auf mich zu. Das Mädchen hatte das nicht nur so dahergeredet, es erwartete meine Meinung zu dem Gesagten. Doch heute am Heiligabend? Würde ich jetzt in diesem Moment die richtigen Worte finden? Ich überdachte noch einmal, " …, obwohl er gar nicht aus der DDR kommt." Die Grenzen zwischen den Staaten müssen doch keine Grenzen in den Beziehungen der Menschen sein. Mir fiel die Weihnachtsbotschaft aus der Bibel ein, die aus meiner Jugendzeit noch gegenwärtig war. Auch meinen Kindern dürfte sie, zumindest der erste Teil, aus den Medien bekannt sein. "Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen", zitierte ich den Text, "gilt für alle Menschen, und gerade zu Weihnachten bedenken viele die Worte, dass man helfen muss, wenn jemand in Not gerät, egal, wer er ist und woher er kommt. Und genau das haben wir eben erlebt." Natürlich waren meine Worte plakativ und nicht ausreichend, aber ich wollte kein langes Diskutieren, sondern es sollte deutlich werden, in dieser Situation ist richtig gehandelt worden. Mehr nicht, weder den Klassenfeind noch die besondere Situation der beiden deutschen Staaten wollte ich bemühen.

"Ja, Papa, ich verstehe, was du mit 'Frieden auf Erden' sagen wolltest. So wie es geschehen ist, wird es wohl für alle gut sein. Die Oma ist nicht traurig, weil wir heute Abend bestimmt pünktlich da sein werden. Und der Mann ist froh, weil er uns helfen konnte. Aber was meinst du mit Wohlgefallen?", war Karen noch nicht ganz zufrieden. "Genau das, was du zum Schluss gesagt hast, die innere Freude und Befriedigung, die man empfindet, wenn man etwas Gutes für einen Menschen getan oder wenn man durch einen Menschen etwas Gutes erfahren hat. Es ist ein sehr inhaltsreiches Wort aus Luthers Bibelübersetzung, das durch das Leid, das über Jahrhunderte durch Kriege über die Menschen gekommen ist, so bedeutsam wurde. Auch heute noch verbindet sich damit gerade zu Weihnachten der Wunsch nach Zuwendung und Glücklichsein. Wie wohltuend ist es doch, wenn dem Nächsten weder unser Glück noch unser Unglück nicht gleichgültig ist."

Es war gelungen, die Gemütslage wieder aufzuhellen. Vom Rücksitz vernahm ich freudige Stimmen. Die Mädchen hörten den Jugendsender DT64 aus ihrem Kofferradio " Stern Camping" und lasen. Inzwischen hatten wir unsere Abfahrt von der Autobahn erreicht, eine gute halbe Stunde noch bis in das idyllische Städtchen, wo die Oma wohnt. In froher Erwartung besprachen wir, was alles noch bis zum völligen Dunkelwerden bei der Oma zu erledigen ist. Die Mädchen beratschlagten eifrig mit und übernahmen von sich aus die anstehenden Aufgaben.

Die letzten Minuten waren durch das angeregte Gespräch wie im Fluge vergangen, wir hielten bereits vor dem Haus der Oma. Noch bevor ausgeladen wurde, stürmten die beiden die Treppe hoch und klopften. In ihrer Linken hielt Helen das Bäumchen. Der Schlüssel im Schloss wurde umgedreht. Die Tür öffnete sich, und die Oma stand mit zitternden Händen vor ihnen, den Morgenmantel hastig über die Schulter geworfen. Ihr fast nicht wahrnehmbares Aufstöhnen verriet ihre Schmerzen. Doch als sie ihre Enkel erblickte, glitt ein freudiges Aufleuchten über ihr Gesicht, und beglückt nahm sie beide in die Arme.

Als die Kerzen angezündet waren, hielten wir für einen Moment inne. Indem durch das Telegramm der Oma an diesem Heiligabend alles ganz anders geworden war, wurde es zum Geschenk für uns. Um wie viel reicher sind wir doch alle an diesem Tag geworden.

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Eingereicht am
25. September 2007

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