Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Annas einziger Wunsch

© Petra Fuchs Quéméneur

"Bald ist Weihnachten, was wünschst du dir denn eigentlich?", fragt die Mutter beim Abendessen. Es duftet noch immer nach den Zimtplätzchen, die sie heute gebacken haben. Anna kneift die Augen zusammen und schaut in die Flamme der Kerze, die auf dem Tisch steht. Sternförmig breiten sich die Strahlen aus und einer tanzt ihr mitten ins Herz.

"Ich habe dieses Jahr nur einen Wunsch", seufzt sie, "Mischka soll wieder nach Hause kommen."

Mama schaut erst zu Papa, dann sagt sie: "Ich wünsche mir ja auch, dass Mischka wieder zu uns kommt, aber er ist nun schon seit mehreren Wochen verschwunden". Die Mutter stellt die Teller in die Spülmaschine. "Vielleicht hat er ein neues Daheim gefunden."

Anna weiß, dass ihre Mutter sie damit trösten will.

"Weißt du, manche Wünsche bleiben unerfüllt, auch wenn man sie von ganzem Herzen ausspricht", sagt Papa.

"Aber Mischka ist doch mein bester Freund!" Annas Stimme krächzt, ihre Augen füllen sich mit Tränen.

"Ich weiß, mein Herz." Mama umschlingt Anna ganz fest.

Wenn es wirklich Wunder gibt, überlegt sich Anna, dann bestimmt an Weihnachten.

Für ihren freien Nachmittag hat sich Anna etwas ganz Wichtiges vorgenommen: sie will an das Christkind schreiben. Seit einer Stunde sitzt sie am Tisch in ihrem Zimmer. Ihre Wangen glühen, die Hand schmerzt. Immer wieder schaut sie vom Brief zum Entwurf hin, den Mama korrigiert hat. In ihrer schönsten Schrift schreibt Anna:

Liebes Christkind, bitte bringe meinen Kater Mischka zurück. Seit den Herbstferien ist er verschwunden. Wir haben überall in der Nachbarschaft nach ihm gesucht, in Garagen, Kellern, Estrichen und Gartenhäuschen. Papa ist auch an der Hauptstraße entlang gegangen. Nichts! Mischka ist mein bester Freund und ich vermisse ihn sehr. Bitte, liebes Christkind, erfülle mir meinen einzigen Wunsch. Danke, Deine Anna.

Natürlich wäre Mamas Schrift viel schöner, aber damit Annas Wunsch in Erfüllung geht, muss sie den Brief selber schreiben. Sie malt zum Schluss noch einige Sterne auf das Blatt, ein großes goldenes Herz und einen rabenschwarzen Mischka. Dann steckt sie den Brief in den Umschlag, auf dem in großen Lettern ‚AN DAS CHRISTKIND' steht.

"Meinst du, dass mein Brief rechtzeitig beim Christkind ankommen wird?", fragt sie etwas später. Ihre blaugrünen Augen schauen ängstlich zu Mama hoch.

"Ich denke schon. Aber erwarte nicht zu viel", mahnt Mama wieder. "Trotzdem, einen letzten Versuch ist es sicher wert. Komm, wir spazieren zur Post, damit du den Brief einwerfen kannst."

Mama schließt leise die Türe hinter sich. Auch an diesem Abend hat sie eine Adventsgeschichte vorgelesen, doch Anna konnte nur mit einem halben Ohr zuhören. Immer wieder musste sie an ihren Brief denken. Ob er wohl rechtzeitig beim Christkind eintreffen wird? Was, wenn Mischka ein neues Daheim gefunden hat? Wären die Besitzer nicht furchtbar traurig, wenn sie ihn zurückgeben müssten? Vielleicht ist er sogar tot. Nein! Nein! daran will sie gar nicht denken.

"Natürlich weiß ich, dass du vielleicht tot bist", sagt sie zu Mischkas Foto auf dem Nachttisch. "Aber du fehlst mir so. Ich wünsche mir ganz fest, dass du wieder zu mir zurückkommst". Dann löscht sie das Licht, aber es dauert noch eine ganze Weile, bis sie einschläft.

"Zapple nicht ständig auf dem Stuhl herum und iss!" Es ist Weihnachten und Papa hat heute Abend gekocht. Annas Teller ist noch beinahe voll. Wenn doch nur schon Bescherung wäre! Wenn Mama und Papa doch nur etwas schneller essen würden! Aber nein, immer wieder legen sie Gabel und Messer zur Seite, kauen in Zeitlupentempo oder kosten vom dunkelroten Wein.

"Ich bin nicht mehr hungrig", seufzt Anna. "Darf ich mal nachsehen, ob das Christkind bereits in der Stube war?"

"Ausnahmsweise", kaum ausgesprochen, schon hüpft Anna vom Stuhl und rennt zur Wohnzimmertür. Die Türe ist abgesperrt und der Schlüssel steckt in Mamas Hosentasche, "damit keine neugierigen Kinder das Christkind stören".

Anna späht mit einem Auge durch das Schlüsselloch, das andere hält sie sich mit der Hand zu. Nichts, noch ist es stockdunkel auf der anderen Seite. Bestimmt würde sie Mischkas Miauen hören, wenn er schon da wäre.

"So, mein Herz, nun ist es Zeit, dass du in dein Zimmer gehst, bis dich das Glöckchen des Christkindes ruft. Aber nicht schummeln!", mahnt Mama.

Mucksmäuschenstill sitzt Anna auf ihrem Bett, Mischkas Foto auf dem Schoß.

"Bitte, bitte, liebes Christkind, bringe mir den Mischka wieder", flüstert sie. "Dann will ich auch immer ganz brav sein und nie mehr jammern, wenn ich seine Kiste sauber machen muss. Ich habe ihm auch sein Lieblingsessen gekauft von meinem Taschengeld."

Endlich! der zarte Klang des Glöckchens! Anna schluckt, das Herz klopft ihr bis zum Hals. Sie steckt das Fleischdöschen in ihre Hosentasche und rennt los. "Mischka, Mischka!", suchend schaut sie sich im Wohnzimmer um. "Ist Mischka da?", fragt sie mit heiserer Stimme.

"Nein, Anna, dieser Wunsch ist leider nicht in Erfüllung gegangen". Papa räuspert sich. "Sieh mal die vielen Geschenke unter dem Weihnachtsbaum", sagt er etwas verlegen. Mama nimmt Anna in die Arme und fährt ihr sanft übers Haar. "Es tut mir so leid, mein Herz".

Anna weint lautlos.

Das Telefon zerreißt die Stille. Erschrocken schaut Anna auf. Wer ruft denn am Weihnachtsabend an? Papa meldet sich mit "Ja, hallo?" Dann sagt er nur noch "Oui, oui" und "Mischka?" Nach langen Minuten legt Papa den Hörer auf, dreht sich um und lächelt Anna zu.

"Wir gehen auf Reisen", sagt er schmunzelnd, "Mischka ist in Straßburg bei einer Dame. Morgen fahren wir hin und holen ihn ab." Papa schließt Anna und Mama in seine Arme. "Unglaublich! Wie ist unser Katerchen bloß so weit gekommen? Es gibt tatsächlich noch Wunder", flüstert er.

Dann berichtet er, dass Mischka bereits seit vier Wochen von der Dame gefüttert wird. "Er hat sich jedoch nicht anfassen lassen und es ist ihr erst heute Abend gelungen, den Streuner zu streicheln. Dabei hat sie unsere Telefonnummer auf seinem Flohhalsband lesen können. So, nun wollen wir aber feiern!"

Noch nie hat ‚Stille Nacht, Heilige Nacht' so feierlich geklungen. "

Das ist bestimmt das schönste Weihnachtsfest meines Lebens", denkt Anna, "und hoffentlich wird mir morgen von der langen Autofahrt nicht übel!"

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Eingereicht am
10. April 2007

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