Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Ein kleines bisschen Abschied

© Uschy Stuttgart-Mengele

Als Robin an diesem Morgen die Augen aufschlug, hätte er sie am liebsten sofort wieder zugemacht. Ja, heute war Weihnachten. Ein Tag, auf den man sich eigentlich als Siebenjähriger mehr freute als auf alle anderen Tage des Jahres zusammen.

Aber dieses eine Weihnachten war so ganz anders als die vorherigen. Es war das erste Weihnachten ohne Vati. Robin blinzelte ein bisschen, denn die dummen Tränen ließen sich einfach nicht zurückhalten. Er setzte sich im Bett auf und sah sich langsam im Zimmer um. Jedes Stück erinnerte ihn irgendwie an Vati. Vor allem die elektrische Eisenbahn. Was hatten sie beide für Spaß zusammen gehabt. Vater hatte sich immer neue Geschichten und Länder ausgedacht, in die sie mit der kleinen Eisenbahn fuhren. Robin ballte die Fäuste, als er daran dachte, was Mutti gestern Abend sagte. Sie hatte ihn fest in die Arme genommen und gesagt: "Robin, morgen ist unser erstes Weihnachtsfest ohne Vati, und morgen werden wir ein kleines bisschen von ihm Abschied nehmen müssen."

Robin hatte das nicht verstanden, und er verstand es auch jetzt noch nicht. Trotzig schob er die Unterlippe vor. Ein kleines bisschen Abschied, pah, es gab kein kleines bisschen Abschied!

In Gedanken sah er wieder den Tag der Beerdigung vor sich. Die Sonne strahlte an diesem Tag vom Himmel; und wenn Robin gekonnt hätte, hätte er seine Steinschleuder genommen und mitten in dieses große, gelbe, lachende Gesicht geschossen.

Das Leben geht weiter, Robin. Deine Mama braucht dich jetzt. Du bist doch ein großer Junge. Mein Gott, ist das Kind tapfer. Umarmungen, Küsse, Tröstungen, die keine waren. Nur ein großes schwarzes Loch, in dem der Sarg mit Vati verschwand. Besser gesagt dem Körper, der einmal Vati war. Diese weiße kalte Gestalt in dieser Holzkiste, das war nicht Vati.

Vati war Wärme und Leben. Aber diesen Vati gab es nicht mehr. Es gab kein kleines bisschen Abschied. Vati ging einfach und Robin blieb.

Langsam stieg Robin aus dem Bett und ging ans Fenster. Auch das noch, es hatte über Nacht tatsächlich geschneit. Letztes Jahr hatten er und Vati tagelang gewartet, dass endlich Schnee fiel, um den neuen Bob auszuprobieren. Mittlerweile liefen dicke Tränen über das Gesicht von Robin. Ohne Eile ging er zur Tür. Er hatte gar nicht den Mut, sie zu öffnen. Jedes Jahr am Heiligen Abend hatte Vati alle Stofftiere in einer Reihe vor die Tür gesetzt und gesagt: "Schau Robin, sie sind schon so aufgeregt, weil sie mit dir aufs Christkind warten."

Zögernd öffnete Robin die Türe - und wirklich, sie saßen alle wieder in Reih und Glied. Fast hätte Robin lächeln müssen, als er daran dachte, wie ihn der Vater in komischer Verzweiflung immer ansah und sich über den kleinen braunen Bären beschwerte, der sich jedes Jahr vordrängelte, um als erster in der Reihe zu sitzen. Robin wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht und ging nach unten.

Nach dem Frühstück half er Mutti, die Schachteln mit dem Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und den Baum von der Terrasse ins Wohnzimmer zu schleppen. Fast verbissen sah er zu, wie die Mutter sich abmühte, den Baum in den Ständer zu bekommen. Für Vati war das nie ein Problem. Ja, Vati! schon wieder wollten die elenden Tränen kommen. Schnell nahm er ein Paar Kugeln und fing an, den Baum zu schmücken.

Als der Baum fertig in seiner Pracht vor ihm stand, fühlte er sich doch ein wenig stolz. Das hatte er doch wunderbar hingekriegt. Mutti war derselben Meinung und ging in die Küche um für sie beide eine wohlverdiente Tasse Tee zu kochen. Robin ging in paarmal um den Baum und betrachtete sein Werk. Da musste er auf einmal schmunzeln. Er dachte daran, wie ihn der Vater vor zwei Jahren auf die Schulter genommen hatte, damit er die Christbaumspitze befestigte. Aber während Robin balancierte, um die Spitze zu erwischen, versuchte der Vater ihn in die kleine Zehe zu beißen weil er auf einmal so hungrig war. Robin musste deshalb so lachen, dass sie beide das Gleichgewicht verloren und mitten in den fertig geschmückten Baum stürzten. Mein Gott, was hatte die Mutti geschimpft.!Vati und er waren, als sie den ersten Schreck überwunden hatten, ganz schön betreten gewesen. Aber mit vereinten Kräften wurde der Schaden wieder behoben, und abends hatten sie sich dann fast kaputtgelacht.

Nachdem Robin mit Mama Tee getrunken hatte, stand ihm das Schlimmste bevor. Sie wollten Vati auf dem Friedhof besuchen. Robin war es gar nicht wohl in seiner Haut. Er hasste diesen Ort, auch wenn er an diesem Tag so feierlich wirkte. Überall flackerten kleine Kerzen und sogar Christbäume standen auf den Gräbern. Aber Robin fühlte sich nicht wohl. Es wollte einfach nicht in seinen Kopf, dass dort unten in der tiefen, dunklen Erde Vati sein sollte. Oder war es vielleicht doch so, wie Mutti sagte, dass Vati alles sah und hörte und immer bei seinem Robin war, und dass dort unten nur ein Körper lag, den Vati jetzt nicht mehr brauchen konnte, dort wo er hingegangen war?

Robin betrachtete die Sterne, die kalt vom Himmel funkelten, aber auch sie konnten ihm keine Antwort geben auf all die Dinge, die er nicht verstand. Trotz vieler Tränen, die an diesem einen heiligen Abend noch flossen, wurde es ein gemütlicher Abend. Sogar das lang ersehnte ferngesteuerte Polizeiauto lag unter dem Christbaum. Und Mutti hatte ihm versprochen, am nächsten Tag mit ihm Schlittenfahren zu gehen. Robin hoffte sehr, dass es in der Nacht noch etwas schneien würde.

Als er später im Bett lag und ihm die Augen fast zufielen, erinnerte er sich daran, wie er mit Vati die Schlittenschanze gebaut hatte, und dann waren sie kopfüber in den Schnee gefallen und Vati hatte gesagt, wenigstens brauchen wir jetzt keinen Schneemann mehr zu bauen, weil wir nämlich selber einer sind und dann hatten sie eine tolle Schneeballschlacht gemacht, und dann …

Robin fielen die Augen zu und auf seinem Gesicht lag tatsächlich ein Lächeln.

Robin hat es an diesem Tag noch nicht verstanden, aber beinah geahnt. Er hatte wirklich ein kleines bisschen Abschied genommen und in einigen Jahren würde Robin es auch verstehen. Es gibt keinen einzigen großen Abschied. Es gilt Tag für Tag, Stunde für Stunde, Erinnerung für Erinnerung ein kleines bisschen Abschied zu nehmen.

Schlaf gut, Robin!

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Eingereicht am
30. März 2007

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