Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Im Kreise der Familie

© Arnica Boontjes

Idyllische Weihnachten begannen wie immer erst in dem Augenblick, als Tante Sybille mit ihrem mehr als schwerhörigen, tattergreisigen dritten Ehemann über die Türschwelle rauschte, ihre speckwallenden Arme um mich schlug und rief: "Das ist aber ein wirklich wunderschöner Tannenbaum ... steht er nicht schief?"

Georg verzog sich traditionell mit einem genuschelten "Ich habe noch zu arbeiten!" in seinen ausgesprochen weit vom Wohnzimmer entfernten Computerraum zurück, wo er die nächsten Stunden in emsiger Arbeit über Schach und Schafkopf verbringen würde.

Ich begrüßte Tante Sybille und Helfried eifrig und bat sie in das ohnehin überfüllte Wohnzimmer, in dem Mama, Ernst, Papa, Helene, Schwiegermutter Helga und Rudolf einträchtig um den runden Tisch versammelt saßen und sich - zumindest friedvoll - anschwiegen, alle außer Helga und Rudolf gemütlich in die Plätzchenteller vertieft. Meine Schwiegereltern nagten an einem selbst mitgebrachten Honigkuchen, der "keinen Zucker und nur Vollkornmehl" enthielt. Meine drei Kinder starrten in Erwartung kommender Ereignisse und kostspieliger Geschenke auf die Tür.

Die Eintracht wich der Zwietracht, als Tante Sybille heeinwogte und "Lottchen, du hast aber zugenommen im vergangen Jahr!" in die Runde rief, woraufhin meiner Mutter beinahe das Lächeln entgleiste und sie erwiderte: "Danke, Sybille, das Kompliment kann ich zurückgeben!" und Helga ergänzte: "Das liegt nur an der Koch- und Backweise! Wenn man so viel Zucker in seinen Kaffee schüttet ..."

Ich hatte die Kinder auf solche Krisensituationen instruiert und Lena rief wie auf Kommando: "Soll ich euch was auf der Flöte vorspielen?", während Michi ein "Möchtet ihr noch Plätzchen?" versuchte. Karsten, mit zwei Jahren noch nicht sonderlich wortgewaltig, kletterte seiner Omi auf den zugegebenermaßen recht fülligen Schoß und steckte ihr ein zermatschtes Stückchen Mandarine in den Mund. "Schmeck gut!", artikulierte er und echote mich: "Kein Kaloin!"

"Warum benutzt ihr eigentlich keine echten Kerzen am Baum?", fragte Papa, ein verzweifelter Versuch, von der matronenhaften Gestalt seiner Exfrau abzulenken, der von seiner diesjährigen Geliebten tapfer unterstützt wurde: "Ja, die sind doch viel weihnachtlicher!" Ihr jugendliches Gesicht glänzte engelsgleich im Schein der Glühlampenkerzen und erinnerte mich wieder einmal an ihr wenig fortgeschrittenes Alter.

Auch Mama schien sich daran zu erinnern. Sie setzte Karsten auf den Boden und lächelte Helene an: "Dürfen Sie eigentlich schon mit Kerzen hantieren?"

Papa verschluckte sich, Ernst verabschiedete sich aufs weihnachtliche Örtchen, wo ich zur Feier des Tages Orangenduft als Reiniger verwendet hatte, und Tante Sybille schien ganz Mamas Meinung: "Das ist eine gute Frage!", wandte sie sich an Helene und Papa, während sie ihren nicht minder ausladenden Hintern zwischen Lena und Michi auf den leeren Stuhl zwängte und Helfried anwies: "Schätzelchen, setz dich da rüber, da bist du nicht so weit weg vom Plätzchenteller!"

"Also ich würde ja diese Plätzchen nicht im Übermaß essen, wenn ich Sie wäre!", ließ meine Schwiegermutter uns wissen, "da ist ja so unglaublich viel Zucker drin! Wie du immer backst ..."

Rudolf ergänzte leiernd: "Helga backt immer nur mit Vollkornmehl, das ist auch viel gesünder!"

"Lena, hol doch mal deine Flöte runter!", wies ich mein Töchterchen an, "und bring deinen Vater mit!"

"Ich kann nicht, ich muss arbeiten!" rief Georg von oben.

"Immer muss dein Mann arbeiten, dabei ist doch Weihnachten!", tadelte Tante Sybille, "Ich habe dir doch gleich gesagt, du sollst den nicht heiraten, der wird dich nicht glücklich machen, aber du wolltest ja nicht hören!"

Helfried nickte, obwohl seine Bekanntschaft mit Tante Sybille noch in weiter Ferne ruhte, als Georg und ich zum Traualtar schritten. Dann nahm er sich noch ein Plätzchen.

"Klopapier ist alle!", bemerkte Ernst, als er orangenumhüllt von der Toilette kam und neben Mama Platz nahm, "übrigens, ich finde dich wunderschön, meine zierliche, geliebte Rose!"

"Mir wird schlecht!", versetzte Michi, um im nächsten Atemzug zu fragen: "Hast du uns keine Geschenke mitgebracht?"

Tante Sybille lachte, bis ihre Arme inklusive des restlichen Körpers wackelten. "Du wirst ja auch jedes Jahr frecher, kleiner Mann!" Dann kniff sie meinen schon beinahe schulpflichtigen Sohn in die Wange und reichte ihm ein bettwäscheflaches Päckchen. Auch Lena und Karsten bekamen identische Pakete.

"Die packen wir aber lieber später aus!", versuchte ich, meine Kinder vor Enttäuschungen zu bewahren, aber Lena rief: "Kein Problem, Mami, Bettwäsche ist doch cool!"

Als Georg schließlich ins Wohnzimmer kam, hatten unsere Kinder die Bettwäsche um ihre Schultern gehängt - bei Karsten reichte der Kissenbezug - und spielten lautstark und ausladend Indianer unter den Glühlämpchen des Tannenbaumes, während Helfried ein Plätzchen nach dem anderen verspeiste, von Helga und Rudolf, die an ihrem Honigkuchen nagten, kritisch beäugt, Tante Sybille verzweifelt versuchte, Helenes Alter aus ihr herauszukitzeln und Ernst teenagerartig mit Mama in der dunklen Ecke verschwunden war, in der man nur ihren enormen Schatten erahnen konnte, aus dem manchmal ein verzücktes Kichern erklang. Papa schlug währenddessen ein ums andere Mal seinen Kopf gegen die festlich dekorierte Tischplatte. Georg nahm sich ein Stückchen Mandarine und drei Plätzchen und sagte: "Das funktioniert doch großartig, ich weiß gar nicht, warum du solche Bedenken hattest!" und verschwand wieder im oberen Stockwerk.

Weihnachten im Kreise der Familie ist unglaublich idyllisch.

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Eingereicht am
04. April 2007

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