Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Marias Weihnachtswunder

© Nadine Gerlach

Dieses Jahr war für Maria besonders schlimm. Seit drei Jahren kämpfte sie um ihre Existenz und die ihrer Kinder. Ihr Mann hatte sie verlassen, als sie grade mit dem Jüngsten schwanger war und seitdem kamen sie kaum noch über die Runden. Maria hatte bereits zwei Jobs und trotzdem war das Geld manchmal so knapp, dass sie jeweils die letzten Tage der Woche mit ihren Kindern in eine Armenküche ging. So bekamen sie wenigstens regelmäßige Mahlzeiten.

Es war kurz vor Weihnachten und Maria machte sich keine Illusionen darüber, dass es ein Fest ohne Geschenke werden würde. Ihr Jüngster war gerade zweieinhalb und vor wenigen Tagen an einer Lungenentzündung erkrankt und eine gute Krankenversorgung war teuer, auch in Brooklyn. Maria wusste, was sie zu tun hatte. Sie hatte in ihrem Wohnzimmer ein Bild von Jesus und seiner Mutter Maria, nach der sie benannt worden war. Dort kniete sie oft nieder und betete. Wie auch diesen Abend, zwei Abende vor dem Weihnachtsfest, an dem es ihr besonders schwer ums Herz war. Pedro war ihr ältester Sohn und übernahm bereits viel mehr Verantwortung als es für einen neunjährigen üblich war. Er lag in seinem Bett und wurde von einem Schluchzen wach, ein Geräusch, das er nur allzu gut kannte. Er hörte seine Mama fast jede Nacht weinen.

Er stand leise auf und schlich sich Richtung Wohnzimmer. Durch einen Spalt konnte er sehen, wie seine Mama vor dem Bild kniete und betete: "Herr, du weißt, wie viel mir meine Großmutter bedeutet hat und dass ihr Ring alles ist, was mir geblieben ist, und nun muss ich ihn versetzen, um mein Baby zum Arzt zu bringen. Wenn es eine Lösung gibt ohne ihn zu verkaufen, bitte zeig sie mir ...." Pedro atmete hörbar ein und hielt sich dann schnell die Hand vor den Mund. Er wusste, wie sehr seine Mama diesen Ring liebte. Als sie vor einem Jahr um die Weihnachtszeit die Heizung abgestellt bekommen hatte, hatte seine Mama den Schmuck, den sie von ihrem Mann bekommen hatte, verkauft. Damals hatte sie gesagt: "Seid nicht traurig, ihr vier seid das Beste, das ich von ihm habe und alles andere brauch ich nicht." Aber den Ring ihrer Großmutter wollte sie nicht hergeben, das wusste Pedro. Er musste das irgendwie verhindern.

Am nächsten Morgen brachte Pedro seinen jüngeren Bruder zum Schulbus, aber er stieg nicht mit ein. Er wusste noch, zu welchem Juwelier seine Mama immer ging, denn er war dabei gewesen, als sie den Schmuck seines Vaters verkauft hatte. Er lief schnell in Richtung Stadt und stieg dann in eine Straßenbahn. Eine Station vor dem Juwelier stieg er aus, damit seine Mama ihn nicht sah. Er wusste, er hatte noch etwas Zeit, da sie erst seine kleine Schwester in den Kindergarten fuhr. Er schlich durch ein paar Gassen und versteckte sich in einer kleinen Seitenstraße neben dem Juwelier. Dort wartete er. Es dauerte nur wenige Minuten und er sah, wie der Wagen seiner Mutter um die Ecke bog. Sie hielt direkt vor dem Laden, stieg aus und betrat ihn. Pedro zog an seiner Tasche, die heute besonders schwer war.

Er wartete bis seine Mama das Geschäft wieder verließ und wegfuhr. Dann ging er selbst in den Laden. Außer ihm war nur ein anderer Kunde im Geschäft, den gerade eine Verkäuferin bediente. Pedro steuerte direkt auf einen anderen Verkäufer zu und sagte ihm, er wolle den Ring, den die Frau eben an ihn verkauft habe. Der Mann sah den Neunjährigen verdutzt an, aber er holte den Ring aus einer Schublade und legte ihn vor ihn hin. "Das macht vierhundertundfünfzig Dollar." Pedro wusste, dass der Ring seit Generationen in der Familie war und dass er sehr wertvoll war, aber dass er so teuer war, verschlug ihm die Sprache. Pedro kramte in seiner Tasche. Er holte vier Sparschweine heraus und stellte sie vor dem Verkäufer auf. "Ich weiß nicht, wie viel da drin ist, aber ich habe noch mehr." Er kramte ein Sparbuch hervor, das er von seinen Großeltern hatte, und ein paar alte Baseballkarten von seinem Dad. Der hatte einmal gesagt, dass die eines Tages sehr viel wert sein würden und vielleicht war ja dieser Tag bereits. Der Verkäufer schaute sich alles genau an und schüttelte dann den Kopf. "Das ist sicherlich alles sehr wertvoll, aber ich denke nicht, dass es reicht. Ich kann dir aber gerne ein paar günstigere zeigen." Pedro schniefte, ihm liefen die Tränen runter: "Nein, Sie verstehen das nicht. Ich brauche diesen Ring. Er ist von meiner Urgroßmutter und meine Mama liebt diesen Ring. Sie hat ihn nur verkauft, weil mein kleiner Bruder krank geworden ist." Der Mann sah ihn mitleidig an. "Das tut mir wirklich leid für Euch, aber ich kann leider nichts für dich tun."

Pedro lief weinend hinaus. Er hörte wie ein Mann aus dem Laden seinen Namen rief, aber er lief weiter. Erst zu Hause fiel ihm auf, dass er alles auf der Theke hatte liegen lassen: das Sparbuch, die Karten und die Sparschweine. Das Weihnachtsfest der Familie wurde traurig. Sie gingen zum Truthahnessen der Armenküche und Geschenke gab es auch keine. Den Weihnachtsabend verbrachten sie im Krankenhaus am Bett ihres Jüngsten. Er war auf dem Weg der Besserung und dennoch war es ein trauriger und enttäuschender Abend für alle. Am nächsten Morgen weckte Pedro Maria. Er wollte zur Kirche. Die Familie war seit Jahren nicht mehr im Gottesdienst gewesen. Maria hatte nie das Geld für ein Opfer und das war ihr unangenehm. Doch noch peinlicher waren ihr die Blicke, wenn sie die Kirche mit ihren vier Kindern ohne Mann betrat. Sie waren früher immer gemeinsam in die Kirche gegangen und die Erinnerung daran tat einfach zu weh. Aber sie wusste, sie würde Pedro damit aufheitern und so ließ sie sich überreden. Der Gottesdienst war gut besucht und es war eine schöne Predigt, die Maria etwas Hoffnung zurückgab. Als sie die Kirche verließen, umarmte sie Pedro und sagte: "Das hat gut getan, Schatz. Gut, dass du mich überredet hast."

Als sie die Stufen vor der Kirche hinuntergingen, lief ihnen ein Mann hinterher und rief, sie sollen stehen bleiben. Es war der Pastor. Irgendwie kam er Pedro bekannt vor. Er holte Pedro, seine Mutter und die Geschwister ein. "Zum Glück sehe ich Sie wieder. Ich war vorgestern bei dem Juwelier und habe einige Kirchenschmuckstücke reinigen lassen, als ich erst Sie und dann Ihren Sohn in dem Laden sah und ich hörte die traurige Geschichte um Ihren Ring. Nun war es so, dass für das Weihnachtsopfer dieses Jahr noch keine gemeinnützige Einrichtung auserkoren worden war." Er griff unter seinen Talar und holte aus seiner Hosentasche den Ring. "Und so beschloss ich, was eigentlich unüblich ist, das diesjährige Weihnachtsopfer Ihnen zukommen zu lassen." Er überreichte Maria nicht nur den Ring und Pedro all die Sachen, die er in dem Juwelierladen hatte liegen lassen, dazu kamen noch viele Spielsachen für die Kinder und eine großzügige Spende für die Familie.

Maria war überwältigt und ihr liefen die Tränen die Wangen runter. Sie schaute Pedro liebevoll an, nun, da sie erfahren hatte, was er getan hatte.

Pedro lächelte zurück: "Siehst du, Mama, ich wusste beten hilft immer."

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Eingereicht am
14. April 2007

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