Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Tanz, Pauline, tanz

© Katharina Britzen

Aus dem Wohnzimmer ertönte Frédéric Chopins Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur. Konzertpianistin Monika Schmitt-Haffner, übte, sofern sie nicht auf Tournee war, Stunden um Stunden, und eine Störung - selbst durch ihre elfjährige Tochter Pauline - wäre einem Sakrileg gleichgekommen. An solchen Tagen war im Hause Schmitt-Haffner Zehenspitzengang Pflicht.

In ihrem Zimmer hämmerte Pauline ihren Wuschelkopf im Rap-Rhythmus gegen die Fensterscheibe und hatte Vera, die Haushaltshilfe, nicht kommen hören, die sie mit ihrem Lieblingsgebäck aufmuntern wollte. Windbeutel. Vera schob Pauline in ihrem Rollstuhl gegen deren Widerstand vom Fenster weg. "Hör auf, Kleines. Deine Mama liebt dich genau sehr wie die Musik. Glaub mir. Übermorgen, am dritten Advent, hat sie doch wieder einen wichtigen Auftritt in..." Pauline unterbrach sie schreiend: "... du lügst. Sie liebt Bach, Brahms, Mozart, Beethoven, Chopin viel, viel mehr als mich. Hör doch nur" und trommelte mit ihren Fäusten auf Vera ein, die daraufhin deren Handgelenke umklammerte, während sich Paulines Miene weiter verdüsterte: "Hör doch. Weiter nichts als dieses Geklimper, Geträller. Für mich hat sie nie Zeit. Nie. Nie. Nie. Erst recht nicht, seit ich ein Krüppel bin."

"Pssssst, leise. Unsinn, Pauline. So was darfst du nicht denken. Komm, probier lieber den Windbeutel, Paulinchen. Sind ganz frisch. Extra für dich gebacken. Mit viel Sahne, Paulinchen."

"Nenn mich nicht immer Paulinchen", herrschte sie Vera an, die den Ausbruch ignorierte, sich aber hinterrücks ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, als sie sah, wie Pauline das luftige Gebäck schmeckte, deren Verstimmung mit jedem Bissen nachzulassen schien und eine feine Schicht Puderzucker wie Schnee auf Paulines Lippen lag.

Es gab Tage, da konnte Pauline stundenlang dem Klavierspiel ihrer Mutter zuhören und verweigerte sich auch nicht dem vierhändigen Musizieren. Es genoss, wenn ihre Mutter sich Zeit nahm, um sich ihr ganz und gar zu widmen. Wenn sie zusammen lachten, herumalberten, spazierenfuhren, einkauften oder sich zusammen einen Film ansahen. Wenn ihre Mutter ihr allein gehörte. Wenn die Musik in den Hintergrund gerückt war. Danach ertrug Pauline über Tage gern das Spiel ihrer Mutter.

Aber an Tagen wie heute, wenn ihre Mutter den Schleier der Unnahbarkeit trug und nur noch an Klavier, Konzertsaal und Komponisten dachte, entzog sich Pauline unter Protest mittels Walkman dem Klavierspiel ihrer Mutter. Wenn diese mit der Musik verschmolz, eins wurde mit Dur und Moll, der Tonleiter, ritardando, pianissimo, forte, ja dann war Pauline nicht nur eifersüchtig auf ihre Mutter, nein, noch mehr auf den Flügel. Liebend gern hätte sie dann das Klavier zertrümmert, kurz und klein geschlagen. In tausend Stücke. Mit einem Hammer. Mit Veras Fleischklopfer. Mit dem Golfschläger ihres Vaters. Egal womit. Hauptsache kaputt. Vera bot ihr als Trost noch einen Windbeutel an.

Etwas mehr als ein Jahr war seit dem Unfall vergangen. Damals stand im Garten das riesige Trampolin, auf dem Pauline so gerne herumhopste. Immer und immer wieder Saltos übte. Bis sie dann beim Versuch eines mehrfachen Salto so unglücklich aufschlug und sich die Wirbelsäule verletzte. Diagnose Querschnittslähmung. Von den Beinen an gelähmt. Paulines Mutter hatte über Monate alle Konzerte abgesagt, mit Pauline sämtliche Spezialisten im In- und Ausland konsultiert. Niemand konnte ihnen Hoffnung machen. Vera erinnerte sich daran, wie Pauline am ersten Abend nach den langen Krankenhausaufenthalten zuhause sämtlichen Puppen die Beine ausgerissen hatte, und ihre Spieldosensammlung gegen die Wand gedonnert hatte. Für Veras Verständnis war Pauline dennoch viel zu diszipliniert, Veras Meinung nach eine Folge des Ballettunterrichts, wo Pauline schon früh ein "Zähne zusammenbeißen" eingebläut wurde. Die Therapeutin hatte Mühe, die Scharten der Ballettlehrerin auszuwetzen und Pauline aus der Reserve zu locken, damit sie das Trauma verarbeiten konnte.

"Ruhe bitte. Wie soll ich mich konzentrieren, wenn ihr so laut seid?" Monika Schmitt-Haffner stand auf der Schwelle und kniff die Augenbrauen zusammen.

"Wir fahren gleich an die frische Luft. Nicht wahr, Pauline? Dann haben Sie Ihre Ruhe, Monika." Pauline stöpselte sich die Kopfhörer ihres Walkman in die Ohren, zog eine Schnute und verweigerte eine Antwort.

Draussen herrschte Sudelwetter, und ein Nordostwind peitschte Wolkenpferde am Himmel längs. Vera half ihrem Schützling in warme und wetterfeste Kleidung und schlang noch eine Decke um Paulines Beine. Pauline steuerte ihren elektrischen Rollstuhl stadteinwärts, und der Ausflug entwickelte sich zu einem Parcours zwischen Trödel und Tretmienen. Bürgersteig rauf, Bürgersteig runter. Ringsherum ein Trümmerfeld. Offensichtlich, dass für den nächsten Tag die Abholung von Sperrmüll angesagt war. Alte Satellitenschüsseln, altersschwache Stühle, Plastikmüll, fleckiger Teppichboden, ausrangierte Fahrräder säumten den Bürgersteig und verwandelten den Verbundsteinweg in ein Schlachtfeld. Müllnomaden durchkämmten die Habseligkeiten ehemaliger Besitzer auf der Suche nach Verwertbarem. Mitgebrachte Lieferwagen samt Anhänger blockierten den Gehweg, bis Vera der Geduldfaden riss und sich aufregte, ohne das sich einer der Müllsortierer daran gestört hätte: "Sauerei. Wie sollen hier Mütter mit Kinderwagen oder Rollstühle fahren können? Pauline, lass uns umkehren und in den Schlosspark fahren. Dort sind wir ungestört." Aber Pauline lehnte ab und lenkte ihren Rollstuhl im Zick-Zack-Kurs zwischen Autos, Gehweg und Gerümpel. Sie begann gezielt, das Terrain zu sondieren. Bei einem heruntergekommenen Haus mit ehemals grünen Fensterläden und morschem Jägerzaun, das sein Inneres unübersehbar auf den Bürgersteig gekotzt hatte und über viele Meter das Pflaster blockierte, bremste sie und begann, mit bloßen Händen in dem Krempel zu wühlen. Vera protestierte: "Iiiiigitttt, igiiiiit, Pauline. Eklig. Was machst du da? Lass die Finger davon. Bloß nichts wie weg hier."

Pauline schaltete auf stur. "Vera, da hinten die Kiste unter den Brettern interessiert mich. Zieh sie bitte raus. Ich will wissen, was da drin ist."

Vera tippte sich an die Stirn. "Spinnst du, Pauline? Ich werd mich hüten, in anderer Leute Dreck zu wühlen. Fahr endlich weiter."

Pauline stemmte die Arme in die Seiten: "Nein. Erst die Kiste."

Vera kannte Paulines Dickschädel und gab nach. In der Holzkiste befand sich zusammengewürfelter Weihnachtsschmuck. Christbaumkugeln in silber, gold, lila und in Scherben, Rauschgoldengel, zusammengeknülltes Lametta, Krippefiguren aus Ton, die Figur der Maria leicht beschädigt. Vera stellte die Kiste zurück und Pauline deutete mit dem Zeigefinger auf den Haufen: "Weiter hinten zwischen dem Vogelkäfig und dem Plastikeimer lugt etwas..." sie beugte sich weiter vor "...rötlich Schimmerndes hervor. Sieh bitte nach, was das ist."

Zähneknirschend stapfte Vera durch den Abfall, zerteilte mit einem Ast Undefinierbares und hob das rote Etwas angeekelt in die Höhe. "Scheint ein Nussknacker gewesen zu sein, Pauline? Ich bezweifle, ob der Weihnachten noch erlebt? Diese Scheußlichkeit taugt nicht mal mehr zum Feueranzünden " und wollte den Nussknacker gleich wieder zurückwerfen, als Pauline forderte: "Her damit. Ich will ihn."

"Nicht dein Ernst, Pauline?"

"Doch. Gib her."

Pauline begutachtete den Nussknacker. Er sah in der Tat invalid aus. Das rechte Bein fehlte ganz, und das linke Bein war bis zur Hälfte angekohlt. Holzwürmer hatten ihm Gänge durch Kopf und Bauch gefressen. Dass er einst rot und blau lackiert war, konnte man fast nur noch erahnen. Sein Mechanismus zum Nüsseknacken war schadhaft; irreparabel.

"Der öffnet nie wieder eine Walnuss geschweige denn eine Paranuss. Von einer Kokosnuß ganz zu schweigen, Pauline", lästerte sie und befahl: " Wirf ihn zurück und lass uns endlich nach Hause fahren. Mir ist kalt."

"Ich nehm ihn mit", beschloss Pauline und steckte den Nussknacker unter die Decke. Vera resignierte; gegen die willensstarke Pauline kam sie sowieso nicht an.

Zuhause hatte Brahms Klavierkonzert Nr. 1 Chopin abgelöst. Vera half Pauline wie jeden Abend beim Zubettgehen. Dann verstummte auch das Klavier. Pauline wartete vergebens auf ihre Mutter. Im Schein einer Taschenlampe vertraute sie dem Torso unter ihrer Bettdecke an, dass sie gerne eine weltberühmte Ballerina geworden wäre. Oder zumindest eine tolle Artistin.

"Weißt du, Nussknacker, eine Primaballerina wie Anna Pawlowa. Ach, du weißt gar nicht, wer Anna Pawlowa war, was Nussknacker?"

Sie zog sich an dem Griff über ihrem Bett hoch, setzte sich auf und öffnete die unterste Schublade ihrer Nachtkommode. Dem hintersten Winkel entnahm sie ein Plakat, rollte es auf und erklärte dem Nussknacker, die Tänzerin auf dem Plakat dort sei die berühmte Pawlowa, die aber schon lange tot sei. Russin und nicht nur das große Vorbild ihrer Ballettlehrerin, sonders auch ihres. Bis vor einem Jahr. Sie, Pauline, sei die Beste in ihrer Ballettgruppe gewesen. Deshalb hätte sie auch letztes Jahr an Weihnachten den Nussknacker aus Tschaikowskis Nussknacker-Suite tanzen dürfen. Ihr Lieblingsstück.

Sie strich dem Nussknacker über den Kopf: "Seit ich vom Trampolin gestürzt bin, kann ich nicht mehr laufen, Nussknacker. Aber das Schlimmste ist, daß ich nie wieder tanzen kann. Fühl mich wie durchgeschnitten, wie ein halber Mensch, obwohl meine Mama sagt, bei meinem Talent könnte ich auch Pianistin werden. Will ich aber nicht." Trotz trat in ihr Gesicht. "Was hälst du davon, wenn wir Freunde werden und zusammenhalten? Du und ich, beides Loser. Ab sofort nenn ich dich Loser. Würdest du gerne mein Freund sein, Loser?" Pauline lauschte dem Klang ihrer Worte und murmelte: "Loser, Loser, Loser. Pauline ist ein Loser, Nussknacker ist ein Loser. Wir beide sind Loser. Nieten." Nussknacker blieb stumm, dafür gestand ihm Pauline: "Weißt du, Loser, mein einzigster Wunsch für Weihnachten wäre, wieder tanzen zu können. Wie früher... Andere Geschenke will ich keine haben. Ach, warum kannst mir nicht helfen, Loser?" Tapfer schluckte sie die Tränen herunter.

Vom nahen Kirchturm schlug es Mitternacht, als Pauline von einer Melodie geweckt wurde. Den Klängen der Nussknacker-Suite. Schlaftrunken öffnete sie die Augen, war im gleichen Moment hellwach, und überrascht von dem Anblick, der sich ihr bot. Ihr Bett wurde flankiert von mindestens zwanzig, nein eher dreißig mannshohen Gestalten, die sich beim einfallenden Mondlicht betrachtet als Nussknacker entpuppten und, wenn auch etwas steif, im Takt der Musik wiegten. In ihrer Mitte Loser, aufgemotzt wie ein König, reichte ihr seine gehobelte Hand und forderte sie auf: "Tanz, Pauline, tanz."

Und Pauline konnte mit einem Male ihre Beine bewegen, zog erst das rechte Bein, dann das linke unter der Bettdecke hervor, stellte sich hin, wunderte sich nicht, dass sie Tutu und Ballerinas trug, und ehe sie sich versah, wirbelte sie in Begleitung ihres Freundes durchs Zimmer. Drehte leichtfüßig eine Pirouette nach der anderen. Flugs hatten sich die Gedrechselten in das gesamte Ensemble der Nussknacker-Suite verwandelt, schlüpften nach Bedarf in die Rolle der Zinn- und Pfefferkuchen-Soldaten, des Großvaters, der Klara und des Franz, der Mäuse, der Eltern, des Herr Drosselmeier, der Zuckerfee und aller Beteiligten. Von ungehobelt, steif und ungelenk konnte bei ihnen keine Rede sein. Das geräumige Zimmer von Pauline wechselte zur Bühne der Nussknacker-Suite, in der Pauline die Hauptrolle tanzte und das Leuchten ihrer Augen die Lampe im Zimmer hätte ersetzen können. Bis zum letzten Ton wirbelten sie im Zimmer herum. Genauso plötzlich wie sie gekommen waren, verschwanden die geschnitzten Gesellen einer nach dem anderen im Dunkel, und zurück blieben Pauline und ihr Freund Loser, der Nussknacker.

Pauline spürte ihre Beine erschlaffen. Sie drohten wegzuknicken. Mit Hilfe von Loser schleppte sie sich ins Bett, wo sie augenblicklich einschlief und nicht mehr hörte, als dieser ihr zuflüsterte: "Du hast mir, dem König der Nussknacker, das Leben gerettet, Pauline. Zur Belohnung wird eine Abordnung meines Volkes dich jedes Jahr in der Weihnachtszeit besuchen, um zusammen mit dir die Nussknacker-Suite zu tanzen. Leb wohl, Pauline."

Beim Aufstehen sagte Pauline zu Vera: "Einen so schönen Traum hatte ich lange nicht mehr." Und als Vera wissen wollte, wo denn die Ballerinas unter ihrem Bett herkämen, stutzte Pauline für den Bruchteil einer Sekunde, bis ein Strahlen ihr Gesicht überzog.

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