Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Ein Stern

© Nina Pal Singh

Ich ging wie jeden Abend spazieren und pfiff leise eine Melodie in den Wind. Lieder haben eine eigenartige Wirkung auf mich, sie schaffen es, dass ich all meine Sorgen für einen kurzen Augeblick vergessen kann. Und auch die Sterne dort droben lenken mich ab mit ihrem Funkeln und Glitzern. Manchmal denke ich, dass jeder Mensch seinen eigenen Himmel hat, weil ja jeder Mensch den Himmel zu einer anderen Uhrzeit sieht und das Leuchten und Flirren der Sterne anders wahrnimmt.

Zur Weihnachtszeit nimmt ein Stern die menschliche Aufmerksamkeit ganz besonders in Anspruch. Ich schaute in dieser Nacht geradewegs an diesem besonderen Stern vorbei und erblickte einen kleinen, zarten, kaum sichtbaren Stern. Ich war fasziniert davon, dass dieser kleine, unstrahlende Stern es geschafft hatte, meinen Blick zu bannen. Wie hatte er das geschafft?

Der kleine Stern weinte oft, deshalb war seine Leuchtkraft so gering. Es ist eine alte Himmelsweisheit, dass ein Stern, der weint, bei jeder Träne, die ihm über sein Gesicht kullert, ein bisschen von seinem Funkeln einbüßt.

Ich beobachtete den kleinen Freund die ganze Nacht lang. Ich sagte ihm, dass ich ihn bewunderte, aber er konnte mich natürlich nicht hören.

Bewohnbar sind nur die hellsten Sterne. Sterne, die aus Sterneskräften funkeln. Das ist ihre Aufgabe. Sternschnuppen sind also Sterne, die vom Himmel fallen, weil sie nicht mehr bewohnbar sind. Ein Stern stirbt nicht. Ein Stern fällt vom Himmel. Ganz leise und sanft und die Menschen dürfen sich etwas wünschen, wenn ein Stern vom Himmel hinab zur Erde segelt. Das ist dann die neue Aufgabe des Sterns: Er ist nicht mehr bewohnbar, sondern bewünschbar. Der kleine Stern war nie bewohnbar gewesen und das erfüllte ihn so mit Traurigkeit, dass er weinte und immer kleiner wurde. Und er musste noch mehr weinen, weil er ja noch kleiner geworden war und dann wurde er noch kleiner.

Ich konnte mich von diesem Stern nicht losreißen. In der folgenden Nacht beobachtete ich wieder diesen einen kleinen Stern. Ich fand ihn so wunderschön, weil ich ihn bewunderte. Unter all diesen wild funkelnden Sternen, erschien er mir wie ein schützenwertes Kleinod am Himmelszelt. Ich wäre gerne zu ihm hinauf geflogen und hätte ihn getragen. Für mich war dieser Stern an Schönheit nicht zu überbieten. Er war klein, aber dennoch erhaben. Schließlich scheuchte die Sonne mich und meinen kleinen Freund ins Bett.

Ich konnte kaum schlafen. Ich wollte unbedingt wieder zu meinem Stern. Als es zu dämmern begann, war ich schon auf meiner Beobachterposition. Ich schaute hinauf und mein Blick suchte, aber mein Stern war nirgends zu sehen. Ich sagte zu mir: "Nur Geduld! Du musst warten, bis es Nacht ist, erst dann kannst Du ihn sehen!" Ich wartete. Kein Stern! Ich lief aufgeregt umher und dachte, dass ich meinen Beobachterposten nur zu wechseln brauchte, damit ich ihn wieder sehen konnte. Aber er war nicht mehr zu sehen. Mein kleiner Stern war nicht mehr da!

SPIEGEL ONLINE Bestsellerautorin Patricia Koelle

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